Samstag, 9. Juli 2022

Lundefugl... (Tag 13)

 Uiuiui... nachdem mich diese Reisetablette abends doch ziemlich plötzlich ausgeknockt hatte, kann ich zumindest viele Stunden am Stück schlafen.

Wir sind auch zeitig wach und können in Ruhe frühstücken. Leftovers. Yeah! Pizza, Eis und warmen Apfelkuchen. Na das ist doch mal was. Wetterbericht sagt: ab 11:00 kein Regen mehr, über den Tag zwar immer wieder ein Mix aus Sonne und Wolken aber eher hin zu immer schöner. Was für die heutige Planung auch wirklich toll wäre.

Während wir unser Zeug zusammenräumen (inzwischen wirklich Routine, die effizient abgespult wird), zieht es dunkel zu. Dann plattert Regen harsch runter, so richtig laut und mit dicken Tropfen. Okeee - aber ab 11:00 soll es ja nicht mehr regnen.

So gegen halb 11:00 hat der Regen etwas nachgelassen, so dass man nicht direkt Gefahr läuft von einer Sekunde zur anderen draußen zu durchweichen. Wir satteln die Räder auf und rollern eine Straße weiter zum Sportgeschäft. L. möchte gerne seinen verlorenen Köder ersetzen. Eigentlich so ein Standardartikel (also für norwegische Geschäfte), aber gerade die Gewichtsklasse, die er sucht, gibt es nicht.

Im zweiten Sportgeschäft gibt es zwar kein Angelzubehör, aber einen schönen Pulli für mich (recht dünn, tolle Merinowolle) und zwei reduzierte, dünne Langarm-Shirts, mit denen ich noch die Garderobe für den Minimann aufstocke. Die Kinder wachsen momentan WIE VERRÜCKT und ich habe in den letzten zwei Monaten echt viel nachkaufen müssen. Wegen Viechzeugs, Zwiebellook und den Aktivitäten, die wir hier so zusammen planen (Baden, Angeln, Wandern) bei einer Temperaturbandbreite von 10°C - 30°C muss man gut ausgewählte Klamotten parat haben.

Als wir aus dem Laden kommen ist es deutlich nach 11:00 und es regnet. Wir radeln erstmal weiter bis zum Einkaufsladen und kaufen die restlichen Vorräte, die wir für die nächsten drei Tage brauchen werden. Ein schnelles Käsebrot auf die Hand und dann fahren wir weiter nach Bleik.

Der Himmel reißt tatsächlich auf, die Sonne kommt raus. Es ist ganz wunderbar. Und etwas zu warm plötzlich in drei Lagen obenrum. Was solls. Bis nach Bleik ist es gar nicht so weit und nach kurzer Tour halten wir beim Aussichtspunkt "Kleivodden". Wir haben einen fantastischen Blick über das Meer und man meint fast im Norden die dunkle Linie zu sehen, wo der Meerboden abfällt und es richtig tief wird. Dort kämpfen Pottwale gegen Kraken und dorthin fahren auch die Whalewatching-Schiffe. Natürlich ist die Meereskante zu weit weg, aber vorstellen mag ich es mir doch. Der Blick von Kleivodden weiter Richtung Süden offenbart schon die langen Sandstrände von Bleik und natürlich auch den Bleiksoya - den Vogelfelsen vor Bleik. Ich bin ja schon so aufgeregt!

Wir radeln weiter nach Bleik, vorbei an den langen, wunderschönen Sandstränden. Und dem Golfplatz. Ich nehme den mal so zur Kenntnis. Gegen 13:00 stellen wir unsere Fahrräder am Puffin-Safari Häuschen ab und spazieren rauf zum kleinen Supermarkt samt Café. Zwei mal Trippel-Schokoladenkuchen, bitte!

Soll ich es erwähnen? Das Café ist recht voll und laut. Ich traue mich trotzdem auf norwegisch zu bestellen, nachdem ich erstmal übergangen wurde in der Schlange. Warum auch immer. Und ja, mein norwegisch ist sehr rudimentär, aber zum bestellen von Kuchen reicht es gerade. Und ja, vielleicht bin ich durch die Maske schlechter zu verstehen. ABER. Das gibt der jungen Bedienfrau nicht das Recht, sich blöde kichernd abzuwenden und ihre Kollegin unter höhnischen Blicken zu fragen, was ich gesagt habe. Ich bestelle ein zweites Mal auf Englisch und werde schnell abgefertig. Naja.

Der Kuchen ist aber sehr lecker und wir können dort nochmal zum WC. Gegen 14:00 sind wir zurück am Hafen und wollen eigentlich über den Strand spazieren, aber mich erfasst eine bleierne Mittagsmüdigkeit. Wir setzen uns auf eine Bank. Vor uns das Meer samt blauem Himmel, hinter und dräuende Regenwolken. Hrmpf. Egal. Wir haben ja Regenklamotten an und bis zu unserer Bootstour isses noch eine Stunde. Wir sitzen einfach nur und ruhen aus. Wann hat man dafür schon mal Zeit?

Pünktlich um 15:00 steigen wir auf den kleinen Fischkutter und fahren los Richtung Vogelfelsen. Hier leben Tordalken, Trottellummen, Kormorane, Seeadler uuuunnnddddd Puffins! Jeg elsker lundefugler!

Unser Guide erzählt nach der Sicherheitseinweisung einiges, was man über Puffins weiß und einiges, warum er gerade diese winzigen, niedlichen Vögel so mag. Er verschweigt auch nicht, dass die Seeadler den Vogelfelsen als 5-Sterne-Restaurant nutzen. So isses nun mal.

Schon bald sehen wir die ersten Puffinschwärme auf den Wellen reiten. Anfangs kann ich gar nicht fotografieren, weil das kleine Boot sehr schwankt. Während alle anderen aber an der Reling stehen und knipsen, wird ein Sitzplatz für mich frei. L. fotografiert ja und ich kann einfach gucken und mich an den absolut adorable Puffins erfreuen. Kurz darauf sehen wir die ersten Adler majestätisch und riesig über dem Felsen kreisen. Es ist absolut herrlich! Das Wetter ist hier draußen übrigens auch toll und sonnig. Die Wolken sind an den Bergen vorerst hängengeblieben. Das Boot fährt noch näher an den Felsen ran und auch ich kann ein paar Bilder machen. Mal sehen, ob welche auch scharf geworden sind. Es ist einfach sooo toll zwischen den (hundert)tausenden von Puffins. Dazwischen gestreut die Trottellummen und Tordalken, Kormorane sehe ich nicht so viele. Überall schwärmen sie, fliegen hin und her, bringen Fisch in die Höhlen, in denen sie jeweils nur ein Küken aufziehen. Tauchen ab, kehren mit dem Schnabel voll Fischen zurück.

Nach einer Stunde sind wir zurück am Hafen, es war sooo toll! Das Wetter ist auch weiterhin total schön. Wir ziehen eine Lage aus und wandern noch den Strand ab. Erst 2km während uns immer wärmer wird. Am Ende vom Strand, der hier breit ist und mit ganz weißem Sand, klar-türkisem Wasser und leicht anbrandenden Wellen, ziehen wir unsere Regenhosen und Schuhe aus, krempeln die Hosen hoch und gehen in der Brandung zurück. Das Wasser hat vielleicht 10 oder 11°C, ist aber total erfrischend (solange man nur mit den Füßen drin ist und sich bewegt). Ein fast irreales Gefühl, hier oben, so weit im Norden. Am Strand. Mit den Füßen im Nordmeer.

Als wir zurück sind und einigermaßen entsandete Füße haben, satteln wir wieder auf und fahren weiter bis zur Unterkunft in Stave. Unser netter Gastgeber in Finnsaeter hatte ja gemeint (ohne selbst Rad zu fahren), dass es ab Andenes alles nur noch super flach sei. Najaaaaa... also zugegebenermaßen überwinden wir heute nur 140 Höhenmeter. Und es gibt tatsächlich einen Abschnitt der relativ flach und gerade ist. Um den zu erreichen muss man aber doch erstmal einiges an Auf und Ab hinter sich bringen. Dazu ist die kleine Straße zwischen Bleik und Stave in einem schlechten Zustand. Lange Längsrillen häufen sich gerade am Rand, dort wo wir fahren. Ein paar Mal habe ich die Befürchtung, dort unglücklich mit dem Vorderrad reinzurutschen. Es passiert aber nichts, der Straßenzustand ist aber trotzdem nicht so dolle. Mit dem Auto bemerkt man ja weder die Höhenmeter, noch solche Risse im Asphalt. Mit dem Rad schon.

Stave Camping ist unser Ziel und wir beziehen dort ein minikleines Appartement (auch hier eigenes Bad und kleine Küchenecke. Großes Fenster mit Tisch davor nach Westen zum Strand raus. Fantastische Aussicht! Die Aussicht wird über den Abend etwas getrübt, denn der Strand-Wohnmobilplatz ist noch vor uns.

Wir haben richtig Hunger, kochen uns Reis mit einer Tütengemüse-Quinoa-Mischung und gehen dann nochmal zurück zur Rezeption und trinken ein Bier. Also eins für uns beide hätte es definitiv getan. Wir probieren das auf Senja gebraute Craftbeer. Das "Amber Ale" ist leckerer, als das "Pale Ale". Dazu gibt es für jeden noch eine Kanelsnurr. Ich trinke ja im Prinzip keinen Alkohol (also so 3x im Jahr ein Glas ist dann schon viel) und dementsprechend viel ist so ein ganzes Bier für mich. Außerdem habe ich schon meine Kontaktlinsen rausgemacht. So gehen wir dann mit eingeschränkter Sicht nochmal zum Strand und genießen diese spektakuläre Landschaft. Dann muss ich aber wirklich ins Bett.

Oder nicht. Denn davor müssen wir unbedingt noch Puffinbilder sichten. Mit superduper Kamera, Serienbildern und Schnellauslöser kommen da mal schnell ein paar Tausend Fotos zusammen. Und wer bis hier her mit lesen durchgehalten hat, kann jetzt auch "mal kurz" durch zillionen Fotos scrollen ein Best-of anschauen.





























Freitag, 8. Juli 2022

Wir hätten gern das Aschgrau... (Tag 12)

 Der Titel sagt ja hoffentlich jedem etwas. Falls nicht: Kontext.

Aufstehen, Dusche, Kaffee, Frühstück. Heute Käse-Polarbrod. Weil: muss weg. Zumindest der Käse. Wir packen und weil es so dolle regnet, warten wir mit dem Checkout noch bis zum allerletzten Moment. Es regnet, die Bäume biegen sich unter den Windböen. Der (hier allerdings wirklich geschützte) Fjord liegt zum Glück ruhig vor uns.

Kurz vor 11:00 haben wir aufgesattelt und verabschieden uns von unserem Host. Es war sehr nett in dem kleinen Appartement. Er gibt uns noch die (gute!) Info mit, dass der lange Tunnel, den wir heute durchradeln werden von dieser Seite aus konstant bergab geht. Juhu!

Wir radeln los, es geht natürlich direkt mal einen Hügel hinauf. Mein Kreislauf ist für sowas nicht gemacht. Auf und Ab geht es und zur Abwechslung heute auch mal durch Baustellen, wo der Asphalt auf der Straße fehlt. Ist superprima auf slippery Kiesel-Sand-Matsch-Gemisch zu fahren, vor allem, wenn man sie dich Straße noch Autos teilt.

Wir fahren auf einen recht hohen Berg zu. Es regnet beständig, aber nicht hart. Eher fällt der Regen ruhig und ausdauernd runter. Das ist gar nicht so störend. Als wir mehr nach Süden abbiegen, bläst es mich dafür fast um. Eine Böe erwischt mich exponiert und ich habe richtig Mühe gegen den Wind anzustrampeln. Endlich sind die schweren Packtaschen mal zu meinem Vorteil.

Die Berge vor uns ragen ein paar Hundert Meter rauf. Die oberen Zacken und Spitzen sind von Wolken verdeckt. Misty Mountains - nur auf der anderen Seite des Planeten. Das wunderbar lebendige Grün, dass die Berge bedeckt scheint heute eher matschig-bräunlich, so dass die Berge in diesem Wetter eher bedrohlich wirken.

Wir bleiben ein paar Mal stehen, um zu atmen und auch dieses Wetter aufzunehmen. Je mehr es windet, desto weniger stört einen übrigens der Regen. Naja, und wenn man natürlich dick eingepackt ist und wasserdichte Kleidung trägt. Ls Schuhe sind nicht mehr ganz dicht, aber zusammen mit dicken Neoprensocken geht es.



So schön es ist, dass der Tunnel vor Gryllefjord bergab geht, so sehr klar ist ja, dass man ein Teil dieser Höhenmeter vorher noch zurücklegen muss. Aber, to be fair, wir können die alte Straße sehen, die sich sehr steil mit nur wenigen Serpentinen über den Berg schlängelt. Da wäre ich wirklich nicht gerne geradelt. Also - der Tunnel isses. Ich ziehe vorher meine Sicherheitsweste über, wir drücken den Knopf, das Licht geht an. Autofahrer sind also gewarnt, dass Radfahrer im Tunnel sind. Der Tunnel ist zu Anfang sehr gut ausgeleuchtet. Dann wird es etwas spärlicher. Ganz kurz erschrecke ich mich vor meinem eigenen Schatten, der mich, durch die Abstände der einzelnen Beleuchtungselemente, immer wieder überholt. Während wir zügig durch den Tunnel radeln begegnet uns übrigens kein einziges anderes Vehikel. Auch gut.

Am Ende geht es direkt auf die Brücke und dann (obwohl man im Prinzip schon auf Normalnull ist) mit einigem Auf und Ab nach Gryllefjord. Das Wetter ist nach wie vor nicht gut, auch wenn der Wind im geschützten Gryllefjord fast abgeflaut ist. Ich checke zum hundertsten Mal den Wetterbericht. Die Böen (steifer Wind) sollen erst abflauen, wenn wir auf der Fähre sind. Das lässt eher darauf schließen, dass die Überfahrt eher unangenehm wird. Also atmen wir tief durch und planen mal wieder um. Wir schreiben den Campingplatz in Stave ein und fragen freundlich nach, ob wir eine Nacht skippen können (klappt!). Statt dessen mieten wir eine Ferienwohnung direkt in Andenes. Wenn ich auf der Fähre seasick werde, dann muss ich nur noch ein paar Meter bis zur FeWo schaffen. Außerdem nehme ich eine der neuen Reisetabletten (Cinnarizine, mal sehen, wie das so klappt. Postafen hat mich ja immer sehr krass müde gemacht für 20h oder so). Ich kaufe ein, eine Weile sitzen wir geschützt im Cafébereich des Supermarktes. L. telefoniert und arbeitet.

Später stehen wir draußen und treffen die anderen Radreisenden, die nach und nach eintreffen. Ein norwegischer Neu-Rentner, der seine Rente mit einer langen Radtour feiert und beginnt (supergute Idee!), außerdem ein Paar aus Kopenhagen, die ebenfalls ihr ganzes Gepäck auf dem Airport verloren hatten. Ähnliche Geschichte wie unsere, jeder hat am Ende zum Glück alles wieder bekommen. Sie machen ultralight bikepacking und sind mir wirklich sehr wenig Ausrüstung unterwegs. Sie hatten etwas mehr Pech mit dem Wetter als wir und wollen nun raus aus Norwegen und eher Richtung Finnland / Baltikum. Sie werden allerdings ein Jahr lang unterwegs sein und planen Großes! Ich wünsche den beiden auf jeden Fall einen superschönen, abenteuerreichen Trip ihres Lebens!

Wir rollern auf die Fähre und werden gebeten (zum ersten Mal) unsere Räder zu vertäuen. Das machen wir auch. Sieben Räder stehen am Ende zusammengekuschelt und hoffentlich sicher befestigt im Laderaum.

Wir gehen in den Passagierraum und setzen uns ans Fenster. Dann geht es los. Mir ist schon ziemlich mulmig, denn Kotzen auf nem Schiff ist echt kein Spaß. Stoisch schaue ich die nächste 1:40h auf die See. Wir sitzen vorn, ich kann die Wellen sehen und weiter draußen erst Senja (bye bye) und dann die Umrisse von Andoya. Die Mischung aus Reisetablette, leerem Magen (ich habe zur Sicherheit außer des Käsebrotes nix mehr gegessen) und beharrlichem Schauen, welche Welle als nächstes kommt (dann passt für mich nämlich das Gefühl zur Sicht) führen zum allergrößten Glück dazu, dass mir trotz der langen, großen, langsamen Dünung nicht schlecht wird. Was für ein Glück! SO EIN GROSSES GLÜCK!


Draußen vor dem regenbepeitschten Fenster der Fähre liegt eine bleigraue, offene See. Über das Meer ziehen lange Wellen. Das Wasser ist nicht aufgewühlt und angry, eher behäbig, aber in dauernder Bewegung, eher groß, breit, rollend. Darüber ein Himmel in allen Grautönen. Betongraue Wolken, die so tief hängen, dass man meinen könnte, dass wir bei jedem Wellenanstieg oben gegen die Wolken stoßen. Weiter hinten hellgraue Wolken, die die blau-grauen Berge teilweise verdecken und aus scharfen Konturen, unscharfe Linien zeichnen. Wir hätten dann gern das Aschgrau.



Wir legen am Hafen von Andenes an, lösen die grünen Seile mit denen die Räder vertäut warten und gehen von Bord. Wir wünschen allen Radelnden "God tur!" und fahren die paar Meter zu unserer FeWo. Da mir nicht schlecht ist (JUHU!!!), merke ich plötzlich, dass ich seit acht Stunden nichts gegessen habe. Ich habe sooo Hunger. Wir laden ab, dann gehen wir direkt zur Pizzeria und holen uns Pizza und Apfelkuchen mit Eis. Unnötig zu erwähnen, dass ich jetzt hier sitze und tippe, während ich viel zu viel Essen hatte. Macht nix. War trotzdem total lecker.

Mehr wird heute nicht passieren. Morgen wird ein aufregender Tag.

Donnerstag, 7. Juli 2022

Regentag... (Tag 11)

 Heute ist ein Regentag und zwar so ein richtiger EsregnetdenganzenTag-Regentag. Daher verbringen wir erstmal einen drinnigen Vormittag mit Kaffee, Frühstück und (weil wir ja eben doch Erwachsene sind) mit Arbeitsdingen. L. wählt sich remote auf diversen Kundenservern ein, macht Wartungsarbeiten und führt Telefonate. Großes Plus hier: egal, wo man ist, es gibt stabiles, schnelles Internet.

Außerdem gibt es noch Neuigkeiten von Ls neuem Arbeitsvertrag und die sind zwar nicht schlecht, bringen aber jede Menge Umstellungen zu sehr unpassenden Zeiten mit sich. Leider können wir diese wichtigen Überlegungen nicht auf nach dem Urlaub verschieben, wenn der Kopf frei und man selbst entspannt ist.

Da es morgen weiter nach Andoya geht, checken wir nochmal die Puffin- und Whalewatching-Angebote, die es dort gibt. Ich bin sehr aufgeregt.

Überwiegend bin ich aber müde und auch wenn wir gestern gar nicht viel Rad gefahren sind, habe ich so richtig schwere, müde Beine.

Am frühen Vormittag raffen wir uns aber auf. Packen die zusätzlichen Lagen aus und ziehen uns an. Ganz oben drüber die Regenklamotten und dann radeln wir ein paar Kilometer die Straße weiter bis nach Hamn. Wir suchen einen Zugang zum Strand, bleiben aber erstmal erfolglos. Viele der kleinen Strände liegen an Privatwegen, die gesperrt sind. Und auch die winzige Hafenmole von Hamn ist unzugänglich. Überhaupt ist das Areal dort definitiv und sehr deutlich über unseren finanziellen Möglichkeiten. Rund um den Hafen, in dem größere Segelboote vertäut sind, stehen einige very posh, brandneue Ferienhäuser.

Wir radeln wieder zurück und ich bin plötzlich sooo müde. Auf den Sukkertoppen können wir auch nicht wandern, denn es regnet ergiebig (auch wenn zwischendurch eher ein weicher Nieselregen fällt), die moosigen Grasböden haben sich vollgesogen und die Steine sind rutschig. Kein guter Tag, um einen Berg hochzuwandern.

Wir kehren zurück zum Appartement.  Ich halte dort an und mache es mir mit meinem Buch und ein paar Süßigkeiten im Bett gemütlich. L. fährt noch eine Runde in die andere Richtung, um zu schauen, ob man dort zum Strand kommt.

Irgendwann bin ich wohl eingeschlafen. Als ich wieder aufwache, hat L. von Hundespaziergängern erfahren, wo man zum Strand kommt, meine Schaltung etwas neu eingestellt (mal sehen, ob der erste Gang nun besser reingeht) und mehr gearbeitet (und mehr Süßkram gegessen.

Wir machen Abendbrot. Nudeln, dazu Avocado-Tomaten-Käse-Salat.

Danach ziehen wir alle Lagen wieder an und gehen zum Strand. Der Zugang ist gar nicht weit weg von unserer Unterkunft. Wir gehen zum Strand und dort skype ich mit dem Minimann. Da können wir ihm gleich mal den Strand zeigen - so für die Vorfreude. Auf dem Rückweg von dem kleinen, superschönen Sandstrand mit dem türkisen Wasser und den grauen Wolken drüber, treffen wir zwei andere Radreisende. Die Frau sieht ziemlich erschöpft aus. Sie suchen einen Platz zum Zelten und wir überlegen kurz gemeinsam, ob die (hohe) Wiese hinter dem Strand geeignet ist. Es ist dort auf jeden Fall durch die Hügel drum rum gut windgeschützt, dafür ist es sicher nicht ganz so leicht, das Zelt auf dem hohen, sehr nassen Gras aufzustellen.

Ich hoffe für die beiden, dass ihr Zelt innen trocken ist und sie später warm in ihren Schlafsäcken liegen können. Ich bin definitiv nicht hart genug, um bei solchem Wetter zu zelten. Wahrscheinlich würde ich einmal durchfrieren und bis zur nächsten heißen Dusche auch nicht mehr auftauen.

Wir folgen noch einem kleinen Trampelpfad, der auf den Hügel hinter dem Strand entlangführt. Wir machen ein paar Fotos und können am Ende sogar nochmal zur Wiese runterschauen. Da steht das Zelt.




Ich bin sehr sehr dankbar, dass ich zurück in ein warmes Appartement mit einer heißen Dusche und einem kuscheligen Bett zurück kann.

Wir wollen eigentlich eine Folge Doctor Who schauen, stolpern dann aber über (andere) Reisepläne, die sich gerade unter Umständen komplett zerlegen. Das macht die Stimmung eher gedrückt und wir kommen heute Abend auch nicht zu einer Lösung. Also lese ich dann lieber noch ein paar Seiten.

Morgen soll der Wind noch mehr auffrischen. Mal sehen, wie es dann auf dem Rad wird.

Mittwoch, 6. Juli 2022

Eine Busfahrt, die ist lustig... (Tag 10)

 Wir wachen zeitig auf und während ich im Bad bin, geht L in die Gemeinschaftsküche und kocht Kaffee. Da muss man natürlich schnell sein und den Lieblingsplatz aller auch genauso schnell wieder räumen. Jeder möchte morgens Kaffee.

Wir frühstücken Haferflocken, verteilen den Kaffee auf Thermosflaschen und Becher. Packroutine. Inzwischen geht es ganz flott. Alles hat einen festen Platz, jeder weiß, was in welcher Reihenfolge eingepackt wird. Ich checke zum hundertsten Mal die Busverbindung. Die sich natürlich nicht geändert hat.

Beim Aufladen des Gepäcks auf die Fahrräder halten wir noch einen kurzen Schnack mit der Besitzerin. Sie meint (zu meiner Beruhigung), dass es kein Problem sein wird, mit den Rädern Bus zu fahren. Gut. Heute wären es sonst fast 50km und etwa 500 Höhenmeter, die sich nicht nur auf das beständige Auf und Ab verteilen, sondern vor allem auf drei ziemlich heftige Anstiege. Da wird ja vernünftig sind und realistisch (vor allem meinen) Fitnessgrad einschätzen können, wäre das nix. Zumal an der (wahrscheinlich) stärker befahrenen Hauptstraße.

Wir schieben die Räder den supersteilen Anstieg vom Vandrerhjem zur Straße hoch und radeln los. So ca. 50m weit, dann fällt mir (immerhin!!) siedendheiß ein, dass der Zimmerschlüssel noch in meiner Jackentasche ist. L. fährt fix zurück und gibt ihn ab. Puh! Gerade noch rechtzeitig dran gedacht.

Wir fahren durch auffrischenden Regen ein paar Kilometer nach Silsand und halten beim Supermarkt. Ein lautes Horn ertönt. Wir stellen die Räder daher am Supermarkt ab und gehen zum Wasser runter. Links die große Brücke nach Finnsnes rüber, rechts der Anleger, an dem gerade die Hurtigrute hält.


Während L. mit Kunden telefoniert, gehe ich Vorräte aufstocken. Unsere heutige Unterkunft haben wir für zwei Tage gemietet und inzwischen doch einiges aufgebraucht. Ich kaufe Haferflocken, Milch, Salat, Avocados, Tomaten, Brot, Käse und eine große Tüte Süßkram. Ich liebe ja die hiesigen Süßkramwände, an denen man sich bunte Tüten zusammenstellen kann.

Nachdem alles in der Essenspacktasche verstaut ist, rollern wir rüber zur Bakeri Nostalgia und kaufen uns die erste Zimtschnecke, seit wir gelandet sind. Wie konnte das eigentlich passieren? Im Café sind auch zwei andere Radreisende. Ich stelle dazu anekdotisch fest: die allermeisten Radreisenden sind mindestens 10 oder 15 Jahre älter als wir, sehr fit und rüstig. Viele haben deutlich mehr Gepäck mit, oft hängen auch am Vorderrad Gepäcktaschen. Wir essen draußen die leckeren Zimtschnecken, der Regen hat zum Glück aufgehört.

Dann warten wir eine ziemlich lange Weile auf den Bus. Es ist sehr viel Verkehr in alle Richtungen, gut, dass wir mit dem zusammen nicht Radfahren müssen. Der Bus nimmt uns zum Glück problemlos mit. Ticketkauf war auch easy mit der Troms Billett App. Ein Tagesticket kostet 37Kronen, Fahrrad 20Kr und ein Tagesticket 100Kr.

 Nun fahren wir warm und trocken einmal quer über Senja. Auch wenn der Verkehr außerhalb Silsands deutlich weniger ist (wo sind alle hin?), so wird mir doch klar, dass ein Bus diese Höhenmeter deutlich problemloser schafft, als ich es getan hätte. Gute Entscheidung also. Wir können rausgucken und erfreuen uns an der vielfältigen Landschaft.

Hier möchte ich mal einwerfen, dass es einen banalen, aber doch sehr offensichtlichen Unterschied zu Deutschland gibt. Es existieren hier Wiesen. Ungemäht, diverse, reichlich blühende Wiesen. Ich möchte gar nicht urteilen, ob Norweger da lieber Felder hätten, die sie bewirtschaften könnten. Es fällt nur auf. Und es ist großartig. Es summt, brummt. Von überall hört man das piepsen von Küken, aufmerksame Vogeleltern wachen über den Wiesen. Es blüht so vielfältig, ich habe (sage ich mal so), sonst noch nirgends solche "ursprünglichen" (???) Wiesen gesehen. Es gibt unterschiedliche Gräser, Farn, Schachtelhalm, Akelei, Wiesenschaumkraut, Weidenröschen, Leimkraut, Klee, Vogel-Wicke, Kriech-Weide, Moltebeere, Wollgras, schwedischen Hartriegel und sicher noch vieles mehr, dass ich nicht bestimmt habe. (An dieser Stelle eine große Empfehlung für die Flora Incognita App, sie ist wirklich toll!!!!). So stelle ich mir eine Wiese vor und würde mich freuen, hätte ich sowas zu Hause. Da will man auch gar nicht mähen.

Wir schaukeln mit dem Bus durch die Gegend und ich schaue abwechselnd auf die Haltestellenanzeige und aus dem Fenster. Die Zimtschnecke möchte gerne... naja, Busfahren ist halt nicht so meins.

Es geht hoch und dann lange wieder runter und dann liegen Fjord und Meer wieder vor uns. Die Straße ist eng, das Wasser so nah neben mir, dass ich einzelne Fische und eine schöne Feuerqualle sehen kann. Das klingt jetzt besser, als es ist. Bedeutet es doch, dass das Wasser WIRKLICH NAH an der Straße ist. Bus und Caravans versuchen den sehr begrenzten Platz der Straße zu nutzen und schieben sich aneinander vorbei.

Freunde des Vanlife: Kauft euch kleinere Caravans oder bleibt auf deutschen Autobahnen. Norwegische Straßen sind ernsthaft nicht für riesige Monsterwohnmobile geschaffen, die teilweise 70% der kompletten Straße (also beider Seiten!) einnehmen. Wer unbedingt meint sein halbes Haus mitnehmen zu müssen, sollte doch nochmal darüber nachdenken, wo er hin will, was man dort wirklich braucht und wie die Straßenverhältnisse sind. Trotz dem mir ziemlich übel ist, bin ich froh, dass ich als Radfahrer mir die Straße heute mal nicht mit diesen absurd großen Gefährten teilen muss, sondern sicher im Bus sitze.

Wir steigen in Finnsaeter aus. Strand, türkises Wasser, mehr kleine vorgelagerte Inseln mit Strand. Herrlich!

Es sind nur ein paar Kurven bis zu unserer Unterkunft. Unser Appartement ist noch nicht ganz fertig (wir sind aber auch etwas früh da), aber wir warten auch gerne draußen. Wir gehen zum Bootshaus runter und schauen über den spektakulären Fjord. Unten karibisch, auf der anderen Seite von erst seichten, runden Bergen geschützt, hinter denen sich große drohende Zackenberge erheben. Als es stärker beginnt zu regnen, warten wir im Bootshaus, trinken Kaffee, essen Croissant und schauen eben durchs Fenster raus.



Dann beziehen wir unser Appartement (sehr schön!), packen aus und um und versinken eine Weile im Nichtstun. Schließlich ziehen wir die Regenklamotten wieder über und gehen eine kleine Pokerunde spazieren. Wir entdecken einen Trollpark, der geschlossen ist. Man kann aber die Außenanlagen abspazieren. Hier stand mal ein Guinessbuch-großer Troll, der leider abgebrannt ist. Der Park steht übrigens zum Verkauf, falls jemand sechs Millionen Kronen übrig hat und einen Park mit "Entwicklungspotential" kaufen möchte. Die Bilder sehen ganz hübsch aus.





Wir spazieren noch weiter bis zur Kirche samt Friedhof und erfahren, dass es hier mal eine Nickelmine gab.

Dann gehen wir zurück, kochen Abendbrot. Es gibt Nudeln mit Sauce und dazu Salat. Mal was Frisches! Wir lassen den Abend gemütlich ausklingen, schauen eine Folge Doctor Who, dann lese ich in meinem zweiten (ha! Urlaub! Zeit!) Buch weiter und schlafe dann zum Geräusch des Regens ein.

Dienstag, 5. Juli 2022

WmdedgT... Radl-Edition mit Fotos (Tag 9)

 Frau Brüllen sammelt Tagebucheinträge.


Trotzdem ich sehr spät eingeschlafen bin, schaffen wir es, etwas zeitiger als sonst aufzustehen. Morgenroutine, Frühstück, Kaffee, Getränke bereitmachen, Packen. Blick auf den Wetterbericht. Von "es kann ein Gewitter durchziehen" wurde der Bericht inzwischen geändert zu "Warnung vor vielen Blitzen und Starkregen" - ich google-translate "Styrtregn" zur Sicherheit. So gut sind meine gefühlten Norwegischkenntnisse nicht und atme auf. Es ist gar kein Starkregen - es ist sintflutartiger Regen.

Nun gut, wir haben zum Glück einige Stunden Zeit, bis das Wetter umschlagen soll und fahren bei ziemlich tollem Wetter los. Leicht bewölkt, wenig Wind, ab und zu Sonne. Knapp unter 20°C. Es ist total herrlich.

Bis der Weg direkt mit einigen heftigen Anstiegen beginnt. Nach ein paar Kilometern sind wir komplett durchgeschwitzt. Wir halten an einer Buseinbuchtung und ziehen ein paar Lagen aus und trinken etwas. Die Straße runter zu Skoghus Camping, wo wir heute übernachten werden, bringt mich ziemlich schnell ans Limit. Das beständige Auf- und Ab der Straße macht ordentlich Höhenmeter und mit dem vielen Gepäck merkt man jeden einzelnen davon. JEDEN. Ich muss aber auch sagen, dass es hin und wieder auch schön runter geht, so dass man für den nächsten Hügel Schwung holen kann. Der Verkehr hält sich zum Glück in Grenzen. Wir müssten die Zeit so abgepasst haben, dass die erste Fähre schon durch war und die nächste erst noch kommt. So werden wir nur ab und an von Autos und Caravans überholt. Außerdem levelt ein anderer Radfahrer mit uns. Er ist wohl aus der "Lightweight Packing"-Ecke, denn er hat sehr überschaubare Packtaschen dabei. Wir unterhalten uns kurz, er erzählt, dass er heute gern die 15:00 Fähre von Gryllefjord nach Andenes nehmen möchte. Das nenne ich mal echt sportlich. Ich überschlage kurz und denke, dass es bis dorthin über 60km und irgendwas zwischen 500 und 600 Höhenmetern sind. Wir wünschen uns "God tur!" und dann radelt er an uns vorbei.

Es folgen viele Kilometer bergauf und bergab mit den üblichen Trink- und Atempausen. Ich bin gestresst, dass wir zu langsam sind und nicht vor dem angesagten Unwetter ankommen. Das führt wahrscheinlich dazu, dass ich nicht so richtig gut mit meiner Energie haushalte. -Noch vor 12:00 haben wir allerdings mehr als die Hälfte der Strecke geschafft und halten an einer windschiefen Garage in der schon lange kein Auto mehr parkt. Wir reiben uns erst mit Mückenzeug ein und essen dann ein Käsebrot.

Was auch immer auf Ls Käsebrot war (Speed?) - auf meinem ist es nicht. L. radelt die nächsten vier oder fünf Kilometer mit knapp 30km/h. Für mich fühlt es sich an, als würde er spontan zum Rennradler umschulen. Ich habe total Sorge, dass ich zurückbleibe und er mein Rufen nicht hört und hetzte mit aller Kraft hinterher. Dann geht echt gar nichts mehr, ich muss unbedingt jetzt sofort anhalten und atmen. L. ist für einen Moment total happy, dass wir so entspannt, toll und schnell gefahren sind - dann sieht er mein wahrscheinlich puterrotes Gesicht und hört das schnelle Pumpen eines Maikäfers meines Atems. Wir bleiben kurz stehen, atmen und trinken etwas. Danach geht es wieder gemächlicher voran, in einem Tempo, dass ich auch länger halten kann. Puuuuhhh.

Schon gegen 12:00 oder 12:30 sind wir an der neuen Unterkunft angekommen und können auch hier direkt unser Zimmer beziehen. Das Vandrerhjem ist superschön, wir haben ein Dreitbettzimmer mit eigenem Duschbad, es gibt eine große Gemeinschaftsküche und einen superschönen Aufenthaltsraum. Nicht zu vergleichen mit den Erinnerungen, die ich an Jugendherbergsaufenthalter während der Schulzeit in den 90ern habe. Gleich neben unserem Zimmer ist der Waschraum. Juhu, L. schmeißt direkt ne WaMa an.

Wir satteln ab, stellen die Räder etwas geschützt an eine Hauswand und schlafen danach erstmal erschöpft ein. L. reicht wohl ein kleiner Nap, während ich noch lese. Als er Mittag kochen möchte, überfällt mich jedoch eine so bleierne Müdigkeit, dass ich eine Stunde lang wie ein Stein schlafe. Und mich danach dementsprechend überrollt fühle.

Statt zu kochen, essen wir Lembasbrot und machen uns dann auf zu einem Spaziergang den kleinen Weg zum Wasser runter. Es gibt eine winzige, unbenutze Hafenmole. L. wirft die Angel aus, ich fotografiere Vögel. Es scheint hier eine Vogelart zu geben, die ich nicht zuordnen kann. Wie eine Lachmöwe, aber mit eher schwalbenartigem Schwanz. Die sind allerdings so schnell, dass ich sie nicht scharf ins Bild kriege. Dafür eine Sturmmöwe samt Küken.

Ls Köder verhakt sich und er läuft um den Strand herum, um den wieder loszukriegen. Erst sieht es ganz gut aus, dann verhakt er sich wieder. Wir beschließen, dass L. hinschwimmen könnte und er versucht es auch. Aber das Wasser ist für uns Landratten viel viel zu kalt. Am Ende bleibt nur, die Schnur durchzuschneiden und sich auf den nächsten Angelladenbesuch zu freuen.

Wir bleiben noch etwas, während der Himmel langsam zu zieht. Dann gehen wir zurück, machen Abendessen, legen die getrockneten Klamotten zusammen und lassen den Abend zu beständigem (weder Stark- noch sintflutartigem) Regen ausklingen.

Endlich haben wir auch Fotos kopiert. Daher hier nun in loser Reihenfolge ein paar Impressionen:



"Frozen Waterfall" in Ersfjordbotn

Sooo schöne Lupinen.

Abendsonne

Ersfjordbotn von oben

Ganz hinten Tromsö.



Sommeroy

Brensholem Fähranleger

22:30

0:30

Ganz ruhig.

Wetterumschwung.

Babyausternfischer

Babymöwen


Rentier (natürlich kein Elch)










































Montag, 4. Juli 2022

Nix ist ja auch ganz schön... (Tag 8)

 Leider leider müssen wir heute die total schöne, gemütliche, kleine Hütte in Botnhamn schon wieder verlassen. Dafür brauchen wir aber erstmal Kaffee, dafür braucht es Milch. Ich wache auf und könnte einfach nur weiterschlafen.

L. steht hingegen auf und radelt kurz zum Joker rüber, um Milch zu kaufen. Ich dusche derweil fix und stelle schonmal die Kaffeemaschine an und bereite unser übliches Frühstück vor (Haferflocken mit Milch für mich, extrem kalorienreiche Haferflocken mit Unmengen Kakaopulver und Milch für L.).

Unsere Packroutine wird besser und während L. mit irgendwelchen Telefonanlagenmenschen spricht, schreibe ich noch ein paar Zeilen ins Gästebuch. Dann sind wir im Prinzip auch abreisebereit.

Tschüss, schöne Hütte.

Wir radeln recht gemütlich einmal um das Fjordende herum. Läge die Hütte nicht zwischen Bäumen verborgen, könnte man sie vielleicht sogar von unserem neuen Standort aus sehen. Der Weg ist wie immer hügelig, aber wenigstens recht kurz. Immer wieder fahren wir jedoch über Schotterabschnitte auf der Straße, wie gerade aufgerissen wird. Das hoppelt ziemlich und staubt auch, wenn wir den Abschnitt gleichzeitig mit Autos passieren. Ein Liegeradradler kommt uns entgegen, wir winken uns zu.

Sehr früh kommen wir an unserer neuen Unterkunft an und haben Glück. Unsere Campinghytte (mit eigenem Bad, yeah!) ist schon bezugsbereit. Und an der Rezeption des Campingplatzes gibt es auch einen minikleinen Kiosk, mit Milch, Brot, Eiern und Käse. Supergut.

Wir satteln ab und gammeln eine Weile. Dann sind wir sehr müde und machen Mittagsschlaf. Danach kochen wir Nudeln, als Sauce gibt es Tütensuppe (Waldpilz oder zumindest was Tütensuppenhersteller sich darunter vorstellen). Ich lese eine Weile, dann gehen wir raus. Wir erkunden den Campingplatz und folgen dann der Straße Richtung "Strand" - hier leider kein weißer Sandstrand, sondern Steinstrand. Was uns aber gar nicht stört, denn wir entdecken direkt wieder Möwen und Austernfischer samt Küken und zücken die Kamera. Eine ganze lange Weile machen wir Bilder, üben mit der Kamera und beobachten die niedlichen, plüschigen Babyvögel. Am Steg ist außerdem ein Dorschkopf aufgehängt. Da kriegt man ja schon ein bißchen Angst vor dem aufgerissenen Maul.

Um die nistenden Vögel nicht unnötig zu stören, verzichten wir darauf den Strand entlang zu spazieren. Stattdessen gehen wir zurück zum Campingplatz. Dort gibt es auch einen Steg. L. holt die Angel und ich sitze gemütlich mit meinem Buch am Strand und lese. Zwischendurch mache ich Bilder und bin überrascht, dass es L. auf dem stark schwankenden Schwimmsteg nicht übel wird. Der Wind frischt ziemlich auf und drückt zeitgleich mit der Flut ordentlich Wellen in das Fjordende. Immer wieder tanzen Schaumkronen auf dem Wasser. Was nicht so schön ist, ist dass L. ein Teil der zweiten Angel fehlt. Wir gehen mental alles durch und glauben nicht, dass wir das Stück verloren haben könnten. hoffentlich liegt es zu Hause.

Wir stellen auf dem Campingplatz nebenbei folgendes fest: ALLE Leute grüßen nett - außer Deutsche. Fürs Protokoll möchte ich anmerken, dass wir jeden grüßen. Manchmal ergibt es daraus ja ein interessantes oder informatives Gespräch, in den meisten Fällen war mein schlicht höflich zu seinen Mitmenschen. Ich denke, die Welt wäre ein kleines Stückchen besser, wenn man sich an solcherlei kleine Gesten einfach gewöhnen könnte.

Auf dem Rückweg holt L. und noch ein Eis. Dann verblogge ich den Vortag und dann haben wir schon wieder Hunger. Also essen wir Abendbrot, L., hat auch Eier gekauft, Milch und Käse. Es gibt Rührei mit Brot. Lecker. Wir stellen fest, dass es zwar eine Kaffeemaschine gibt, wir aber keine Filtertüten haben.

Daher geht L. nochmal los und organisiert welche an der Rezeption (ja, später ist uns auch eingefallen, dass man in der großen Gemeinschaftsküche sicher welche gefunden hätte). Damit das nicht unhöflich wirkt, kauft er bei der Gelegenheit noch zwei Waffeln mit Erdbeermarmelade und Brunost (brauner Käse). YUMMI! Wir setzen uns auf die kleine Terrasse, schauen auf den von der Sonne beschienen Fjord und genießen das Acht-Uhr-Tutje.

Der Campingplatz hat sich über den Tag gefüllt, es wird gekocht und gegrillt. Wir machen noch eine kleine Runde und fotografieren. Die Sonne steht knapp über den Bergen - viel weiter untergehen tut sie nicht. Viel später mache ich noch ein Bild, als sie knapp hinter den Bergen steht. Es ist schon etwas besonderes, dass die Sonne gar nicht untergeht. Auch wenn sie zwischen 2:00 und 5:00 immer tief und fest schlafen und das Nichtuntergehen im Prinzip verpassen.

Wetterberichtscheck lässt nichts gutes für den Folgetag vermuten. Es sind nachmittags Gewitter und Starkregen angesagt. Das heißt für uns, dass wir die knapp 40km zum nächsten Vandrerhjem davor schaffen sollten. An den Straßen hier gibt es nur ganz selten mal ein Bushäuschen, das Schutz bietet. Wir beschließen daher, etwas früher aufzustehen. Was mich direkt zu stresst, dass ich, als schon längst Zeit zum Schlafen ist, noch mein Buch auslese. Dafür gehe ich gegen 1:00 oder 2:00 nochmal raus und fotografiere die Sonne. Ist ja auch was.

Sonntag, 3. Juli 2022

Geduld ist eine Tugend... (Tag 7)

 Mitten in der Nacht wache ich auf. Wenn man nicht mehr ganz so jung ist, muss man leider auch nachts aufs Klo.

Ich wache zu ziemlichem Wind auf, es scheint auch zu regnen. Ich bin aber zu müde, um das alles richtig zu realisieren und verschwinde kurz im Bad. Als ich wieder ins Zimmer komme, sehe ich L. auf dem Balkon hinter unseren gewaschenen und zum Trocknen aufgehängten Klamotten hinterher klettern (zum Nachbarbalkon). Mein BH klebte vom Wind plattgedrückt schon an der Wand der Nachbarn. Offensichtlich war er geistesgegenwärtig genug um eins und eins zusammenzuzählen. Naja, reicht ja, wenn einer hier mitdenkt.

Wir gehen wieder schlafen, der Wind heult noch eine ganze Weile. Wellen schwappen an den Strand.

Wir stehen etwa zur gewohnten Zeit auf. Draußen ist es nicht mehr ganz so stürmisch, es regnet allerdings immer noch. Checkout ist um 12:00, dann soll auch der Regen nachlassen. Da unsere weniger als 10km entfernte Fähre (Brensholmen - Botnhamn) erst um 17:00 fährt, wollen wir so spät wie möglich auschecken. Beim Packen (so ganz smooth läuft die Packroutine noch nicht) bemerkt L, dass eine seiner Socken wohl davongeweht ist. Vom Winde verweht - Gore-tex-Sockenedition. Schade. Wir wollen später nochmal danach suchen, dass fällt uns aber erst ein, als wir schon lange vom Hotel weggeradelt sind.

L. holt Kaffee und Frühstück aus dem Restaurant, dann stärken wir uns erstmal. Weiteres rumräumen und packen und dann ist es bald auch 12:00. Wir checken aus, verstauen unser Gepäck im Baggageroom und spazieren eine Weile über die Insel. Es ist inzwischen trocken, aber noch immer bedeckt. Ab und an frischt der Wind wieder auf. Zuerst gehen wir runter zum Strand. Es ist Ebbe und man kann viele Muscheln, Schneckenhäuser und Kaltwasserkorallen sammeln anschauen. In den Wiesen um uns herum fiept und pfeift und zwitschert es ganz aufgeregt. Wir kehren auf die Straße zurück, um die Vögel samt ihrer Küken nicht unnötig zu stören.

Die Straße schlängelt sich weiter nach Norden zur Spitze der Insel. Dort gibt es eine kleine Anhöhe von der man aus einen schönen Blick auf die vorgelagerten Schären samt Stränden hat. Traumhaft. Wer ein Boot hat und dorthin fahren kann, hat eine ganze kleine Schäre samt fantastischem Sandstrand an türkisem Wasser ganz für sich.

Wir machen Fotos und gehen dann zurück zum Abzweig der Straße. L. ist dort nachts schon etwas wandern gewesen und wir wollen gemeinsam ebenfalls ein Stück hinauf und eine noch bessere Aussicht über Sommeroy zu haben. Die Straße endet an einem grünen Tortunneleingang. Militärbereich. Der Tunnel führt bis ganz oben auf den Berg, dort gibt es eine Radarstation. Noch letztes Jahr habe ich mich gefragt, warum zur Hölle man hier am Ende der Welt bloß eine Radarstation braucht. Tja. Jetzt wissen wir es alle. Von hier (und natürlich von noch weiter nördlich) erfahren wir zuerst, wenn Schiffe aus Murmansk auslaufen und gen Süden fahren. Hoffen wir, wir erfahren das alles nicht, weil es nicht passiert.

Es Trampelpfad geht ab und direkt nach ein paar Metern beginnen Steinplatten, die den Weg hoch markieren. Es ist so steilt, dass ziemlich von Anfang an ein Seil gespannt ist, an dem man sich festhalten kann. Das ist mir nicht ganz so geheuer, vor allem, weil einige Bereiche noch nass vom Regen sind. Wir gehen daher ganz langsam und vorsichtig, klettern ein bißchen den Berg hoch und halten an, als man eine tolle Aussicht hat. Das reicht mir dann schon, immerhin muss ich ja auch wieder zurückkommen. Den Kindern hätte der Weg hier sicher super gefallen und die wären ruckzuck hochgeklettert, während man selbst atmend versucht hätte "Seid vorsichtig!" zu rufen.

Wir klettern zurück, nachdem wir ausgiebig fotografiert haben. Dann spazieren wir zurück zum Hotel und beginnen die Räder aufzuladen. Über die erste Brücker rüber und dann halten wir schon an. Wir wollen am kleinen Matkroken essen. Es gibt Hamburger und Pommes für L., Fish & Chips für mich. Lecker Fastfood.

Danach ist es kurz nach 15:00. Wir verabschieden uns von der Karibik Norwegens und radeln über die Brücke zurück aufs Festland und die paar Kilometer rüber nach Brensholmen. Dort steht schon eine Schlange aus Caravans und Autos. Als Radfahrer hat man es ja gut und kann ganz nach vorne fahren.

17:00 Ferge innstilt. - Die 17:00 Fähre fällt wegen technischer Probleme aus. Na super. Zum Glück gibt es heute noch drei weitere Fährabfahrten, die nächste um 19:00. Blöd nur, dass es jetzt gerade erst 16:00 ist. Also warten wir wohl, zusammen mit Italienern, Franzosen, Norwegern, Finnen, Türken und anderen Touristen. Die Italiener verunsichern uns kurz. Offenbar warten sie schon länger und sind nicht auf die 12:15 Fähre gekommen. Jedenfalls sagen sie uns, dass Radfahrer nicht mitkönnen. Das ist sehr seltsam, denn natürlich hatten wir das vorher gecheckt. Selbstverständlich können Radler und Fußgänger auf die Fähre, sogar gratis. Ich frage zur Sicherheit einen Radfahrer, der sehr wenig Gepäck hat und ich daher annehme, er sei local. Er sagt, was wir wissen. Radfahrende werden immer problemlos mitgenommen.

Nun denn. Wir warten. Ich beschließe, die letzten Tage zu verbloggen. L. sitzt ein bißchen, geht auf eine Anhöhe und fotografiert. Nebenbei höre ich, wie sich ein paar deutsche Touristen über so ziemlich alles beschweren und schäme mich etwas für diese Landsleute. Wer im Juli zur Haupturlaubssaison mit seinem riesigen Caravan nach Tromsö einfährt ohne vorher mal irgendwas nachgeguckt zu haben, der darf sich auch einfach nicht beschweren, wenn es dann keine Unterkunft gibt. Aber überhaupt, die fragen sich auch, warum es hier keine Lachsbrötchen zu kaufen gibt. Naja. Ich rolle mit den Augen. Dann setzt sich ein deutsches Paar an die Bank-Tisch-Kombi (alles als ein Teil zusammengeschraubt) neben uns. Die Frau ist deutlich adipös, der Mann eher spillerig. Sie setzen sich auf die gleiche Seite der Bank. Und als der Mann aufsteht und die Frau erst ein paar Sekunden später gleiches versucht, passiert, was die Physik nun mal vorgibt. Beide können drüber lachen, ich versuche sehr konzentriert auf das Notebook zu schauen. Natürlich beschimpft sie ihren Mann, natürlich ist der Schuld. Was steht der auch auf. Tja.

Wir essen einen Apfel und trinken unseren Kaffee aus. Geduld ist eine Tuuuuugeeeennnddd. Es kommen noch Wanderer und andere Radreisende, man nickt sich freundlich zu. Wir warten. Dann ist es irgendwann tatsächlich gegen 19:00 und die Fähre kommt. Die Fähre spuckt Autos und Caravans aus. Dann ist es kurz still und kurz darauf schiebt sich sehr langsam ein riesiger Actros Centurion heraus. Das ist ein LKW-großes, obzönes Wohnmobil. Wir Radfahrenden schauen uns gegenseitig kopfschüttelnd an.

Wir können mit den Rädern zuerst auf die Fähre. Es gibt eine Einbuchtung, wo wir alle unsere Räder gegeneinander gelehnt abstellen können. Als wir zum Passagierbereich hinaufgehen, kommt uns köstlicher Waffelduft entgegen. Natürlich besorgt L. uns eine Waffel. Wir unterhalten uns mit einem Schweizer Radler und erfahren, dass er schon länger unterwegs ist. Auch er musste seine Strecke wegen des gesperrten Tunnels umplanen, macht sich aber weniger Sorgen ob des Verkehrs. Da er wohl überwiegend zeltet, ist auch Unterbringung für ihn kein Problem. Er erzählt noch, dass er in der Schweiz gestartet ist, durch Deutschland geradelt und mit der Fähre nach Helsinki weiter. Von dort dann bis zum Nordkapp. Drei Monate will er insgesamt unterwegs sein. Ein Geschenk an sich selbst zum 50sten Geburtstag, als großer Ausgleich für 23 Jahre Kinder großziehen. Was für eine großartige Idee. L. möchte direkt mit seinen Geburtstagsplanungen beginnen. Der Schweizer erzählt, was wir schon häufiger gehört haben. Das Pedalieren über hunderte Kilometer schnurgerader Straße in borealem Wald ist sehr schnell sehr eintönig.

Die Hurtigrute quert vor uns den Fjord. Wir können nochmal nach Sommeroy rüberschauen und dann legen wir auch schon in Botnhamn auf Senja an. Unsere superniedliche, comfy Hütte ist nur fünf Minuten Fahrt (und weitere 5 Minuten einen steilen Berg hochschieben) entfernt. Eine kleine Hütte, super schön eingerichtet, total cozy und mit allem, was man so braucht. Wir kochen heute Reis-fit Kichererbsen mit Quinoa und dann gehe ich schon bald schlafen, während L. noch eine quartalsfällige Steuer macht.