Dienstag, 5. Juli 2022

WmdedgT... Radl-Edition mit Fotos (Tag 9)

 Frau Brüllen sammelt Tagebucheinträge.


Trotzdem ich sehr spät eingeschlafen bin, schaffen wir es, etwas zeitiger als sonst aufzustehen. Morgenroutine, Frühstück, Kaffee, Getränke bereitmachen, Packen. Blick auf den Wetterbericht. Von "es kann ein Gewitter durchziehen" wurde der Bericht inzwischen geändert zu "Warnung vor vielen Blitzen und Starkregen" - ich google-translate "Styrtregn" zur Sicherheit. So gut sind meine gefühlten Norwegischkenntnisse nicht und atme auf. Es ist gar kein Starkregen - es ist sintflutartiger Regen.

Nun gut, wir haben zum Glück einige Stunden Zeit, bis das Wetter umschlagen soll und fahren bei ziemlich tollem Wetter los. Leicht bewölkt, wenig Wind, ab und zu Sonne. Knapp unter 20°C. Es ist total herrlich.

Bis der Weg direkt mit einigen heftigen Anstiegen beginnt. Nach ein paar Kilometern sind wir komplett durchgeschwitzt. Wir halten an einer Buseinbuchtung und ziehen ein paar Lagen aus und trinken etwas. Die Straße runter zu Skoghus Camping, wo wir heute übernachten werden, bringt mich ziemlich schnell ans Limit. Das beständige Auf- und Ab der Straße macht ordentlich Höhenmeter und mit dem vielen Gepäck merkt man jeden einzelnen davon. JEDEN. Ich muss aber auch sagen, dass es hin und wieder auch schön runter geht, so dass man für den nächsten Hügel Schwung holen kann. Der Verkehr hält sich zum Glück in Grenzen. Wir müssten die Zeit so abgepasst haben, dass die erste Fähre schon durch war und die nächste erst noch kommt. So werden wir nur ab und an von Autos und Caravans überholt. Außerdem levelt ein anderer Radfahrer mit uns. Er ist wohl aus der "Lightweight Packing"-Ecke, denn er hat sehr überschaubare Packtaschen dabei. Wir unterhalten uns kurz, er erzählt, dass er heute gern die 15:00 Fähre von Gryllefjord nach Andenes nehmen möchte. Das nenne ich mal echt sportlich. Ich überschlage kurz und denke, dass es bis dorthin über 60km und irgendwas zwischen 500 und 600 Höhenmetern sind. Wir wünschen uns "God tur!" und dann radelt er an uns vorbei.

Es folgen viele Kilometer bergauf und bergab mit den üblichen Trink- und Atempausen. Ich bin gestresst, dass wir zu langsam sind und nicht vor dem angesagten Unwetter ankommen. Das führt wahrscheinlich dazu, dass ich nicht so richtig gut mit meiner Energie haushalte. -Noch vor 12:00 haben wir allerdings mehr als die Hälfte der Strecke geschafft und halten an einer windschiefen Garage in der schon lange kein Auto mehr parkt. Wir reiben uns erst mit Mückenzeug ein und essen dann ein Käsebrot.

Was auch immer auf Ls Käsebrot war (Speed?) - auf meinem ist es nicht. L. radelt die nächsten vier oder fünf Kilometer mit knapp 30km/h. Für mich fühlt es sich an, als würde er spontan zum Rennradler umschulen. Ich habe total Sorge, dass ich zurückbleibe und er mein Rufen nicht hört und hetzte mit aller Kraft hinterher. Dann geht echt gar nichts mehr, ich muss unbedingt jetzt sofort anhalten und atmen. L. ist für einen Moment total happy, dass wir so entspannt, toll und schnell gefahren sind - dann sieht er mein wahrscheinlich puterrotes Gesicht und hört das schnelle Pumpen eines Maikäfers meines Atems. Wir bleiben kurz stehen, atmen und trinken etwas. Danach geht es wieder gemächlicher voran, in einem Tempo, dass ich auch länger halten kann. Puuuuhhh.

Schon gegen 12:00 oder 12:30 sind wir an der neuen Unterkunft angekommen und können auch hier direkt unser Zimmer beziehen. Das Vandrerhjem ist superschön, wir haben ein Dreitbettzimmer mit eigenem Duschbad, es gibt eine große Gemeinschaftsküche und einen superschönen Aufenthaltsraum. Nicht zu vergleichen mit den Erinnerungen, die ich an Jugendherbergsaufenthalter während der Schulzeit in den 90ern habe. Gleich neben unserem Zimmer ist der Waschraum. Juhu, L. schmeißt direkt ne WaMa an.

Wir satteln ab, stellen die Räder etwas geschützt an eine Hauswand und schlafen danach erstmal erschöpft ein. L. reicht wohl ein kleiner Nap, während ich noch lese. Als er Mittag kochen möchte, überfällt mich jedoch eine so bleierne Müdigkeit, dass ich eine Stunde lang wie ein Stein schlafe. Und mich danach dementsprechend überrollt fühle.

Statt zu kochen, essen wir Lembasbrot und machen uns dann auf zu einem Spaziergang den kleinen Weg zum Wasser runter. Es gibt eine winzige, unbenutze Hafenmole. L. wirft die Angel aus, ich fotografiere Vögel. Es scheint hier eine Vogelart zu geben, die ich nicht zuordnen kann. Wie eine Lachmöwe, aber mit eher schwalbenartigem Schwanz. Die sind allerdings so schnell, dass ich sie nicht scharf ins Bild kriege. Dafür eine Sturmmöwe samt Küken.

Ls Köder verhakt sich und er läuft um den Strand herum, um den wieder loszukriegen. Erst sieht es ganz gut aus, dann verhakt er sich wieder. Wir beschließen, dass L. hinschwimmen könnte und er versucht es auch. Aber das Wasser ist für uns Landratten viel viel zu kalt. Am Ende bleibt nur, die Schnur durchzuschneiden und sich auf den nächsten Angelladenbesuch zu freuen.

Wir bleiben noch etwas, während der Himmel langsam zu zieht. Dann gehen wir zurück, machen Abendessen, legen die getrockneten Klamotten zusammen und lassen den Abend zu beständigem (weder Stark- noch sintflutartigem) Regen ausklingen.

Endlich haben wir auch Fotos kopiert. Daher hier nun in loser Reihenfolge ein paar Impressionen:



"Frozen Waterfall" in Ersfjordbotn

Sooo schöne Lupinen.

Abendsonne

Ersfjordbotn von oben

Ganz hinten Tromsö.



Sommeroy

Brensholem Fähranleger

22:30

0:30

Ganz ruhig.

Wetterumschwung.

Babyausternfischer

Babymöwen


Rentier (natürlich kein Elch)










































Montag, 4. Juli 2022

Nix ist ja auch ganz schön... (Tag 8)

 Leider leider müssen wir heute die total schöne, gemütliche, kleine Hütte in Botnhamn schon wieder verlassen. Dafür brauchen wir aber erstmal Kaffee, dafür braucht es Milch. Ich wache auf und könnte einfach nur weiterschlafen.

L. steht hingegen auf und radelt kurz zum Joker rüber, um Milch zu kaufen. Ich dusche derweil fix und stelle schonmal die Kaffeemaschine an und bereite unser übliches Frühstück vor (Haferflocken mit Milch für mich, extrem kalorienreiche Haferflocken mit Unmengen Kakaopulver und Milch für L.).

Unsere Packroutine wird besser und während L. mit irgendwelchen Telefonanlagenmenschen spricht, schreibe ich noch ein paar Zeilen ins Gästebuch. Dann sind wir im Prinzip auch abreisebereit.

Tschüss, schöne Hütte.

Wir radeln recht gemütlich einmal um das Fjordende herum. Läge die Hütte nicht zwischen Bäumen verborgen, könnte man sie vielleicht sogar von unserem neuen Standort aus sehen. Der Weg ist wie immer hügelig, aber wenigstens recht kurz. Immer wieder fahren wir jedoch über Schotterabschnitte auf der Straße, wie gerade aufgerissen wird. Das hoppelt ziemlich und staubt auch, wenn wir den Abschnitt gleichzeitig mit Autos passieren. Ein Liegeradradler kommt uns entgegen, wir winken uns zu.

Sehr früh kommen wir an unserer neuen Unterkunft an und haben Glück. Unsere Campinghytte (mit eigenem Bad, yeah!) ist schon bezugsbereit. Und an der Rezeption des Campingplatzes gibt es auch einen minikleinen Kiosk, mit Milch, Brot, Eiern und Käse. Supergut.

Wir satteln ab und gammeln eine Weile. Dann sind wir sehr müde und machen Mittagsschlaf. Danach kochen wir Nudeln, als Sauce gibt es Tütensuppe (Waldpilz oder zumindest was Tütensuppenhersteller sich darunter vorstellen). Ich lese eine Weile, dann gehen wir raus. Wir erkunden den Campingplatz und folgen dann der Straße Richtung "Strand" - hier leider kein weißer Sandstrand, sondern Steinstrand. Was uns aber gar nicht stört, denn wir entdecken direkt wieder Möwen und Austernfischer samt Küken und zücken die Kamera. Eine ganze lange Weile machen wir Bilder, üben mit der Kamera und beobachten die niedlichen, plüschigen Babyvögel. Am Steg ist außerdem ein Dorschkopf aufgehängt. Da kriegt man ja schon ein bißchen Angst vor dem aufgerissenen Maul.

Um die nistenden Vögel nicht unnötig zu stören, verzichten wir darauf den Strand entlang zu spazieren. Stattdessen gehen wir zurück zum Campingplatz. Dort gibt es auch einen Steg. L. holt die Angel und ich sitze gemütlich mit meinem Buch am Strand und lese. Zwischendurch mache ich Bilder und bin überrascht, dass es L. auf dem stark schwankenden Schwimmsteg nicht übel wird. Der Wind frischt ziemlich auf und drückt zeitgleich mit der Flut ordentlich Wellen in das Fjordende. Immer wieder tanzen Schaumkronen auf dem Wasser. Was nicht so schön ist, ist dass L. ein Teil der zweiten Angel fehlt. Wir gehen mental alles durch und glauben nicht, dass wir das Stück verloren haben könnten. hoffentlich liegt es zu Hause.

Wir stellen auf dem Campingplatz nebenbei folgendes fest: ALLE Leute grüßen nett - außer Deutsche. Fürs Protokoll möchte ich anmerken, dass wir jeden grüßen. Manchmal ergibt es daraus ja ein interessantes oder informatives Gespräch, in den meisten Fällen war mein schlicht höflich zu seinen Mitmenschen. Ich denke, die Welt wäre ein kleines Stückchen besser, wenn man sich an solcherlei kleine Gesten einfach gewöhnen könnte.

Auf dem Rückweg holt L. und noch ein Eis. Dann verblogge ich den Vortag und dann haben wir schon wieder Hunger. Also essen wir Abendbrot, L., hat auch Eier gekauft, Milch und Käse. Es gibt Rührei mit Brot. Lecker. Wir stellen fest, dass es zwar eine Kaffeemaschine gibt, wir aber keine Filtertüten haben.

Daher geht L. nochmal los und organisiert welche an der Rezeption (ja, später ist uns auch eingefallen, dass man in der großen Gemeinschaftsküche sicher welche gefunden hätte). Damit das nicht unhöflich wirkt, kauft er bei der Gelegenheit noch zwei Waffeln mit Erdbeermarmelade und Brunost (brauner Käse). YUMMI! Wir setzen uns auf die kleine Terrasse, schauen auf den von der Sonne beschienen Fjord und genießen das Acht-Uhr-Tutje.

Der Campingplatz hat sich über den Tag gefüllt, es wird gekocht und gegrillt. Wir machen noch eine kleine Runde und fotografieren. Die Sonne steht knapp über den Bergen - viel weiter untergehen tut sie nicht. Viel später mache ich noch ein Bild, als sie knapp hinter den Bergen steht. Es ist schon etwas besonderes, dass die Sonne gar nicht untergeht. Auch wenn sie zwischen 2:00 und 5:00 immer tief und fest schlafen und das Nichtuntergehen im Prinzip verpassen.

Wetterberichtscheck lässt nichts gutes für den Folgetag vermuten. Es sind nachmittags Gewitter und Starkregen angesagt. Das heißt für uns, dass wir die knapp 40km zum nächsten Vandrerhjem davor schaffen sollten. An den Straßen hier gibt es nur ganz selten mal ein Bushäuschen, das Schutz bietet. Wir beschließen daher, etwas früher aufzustehen. Was mich direkt zu stresst, dass ich, als schon längst Zeit zum Schlafen ist, noch mein Buch auslese. Dafür gehe ich gegen 1:00 oder 2:00 nochmal raus und fotografiere die Sonne. Ist ja auch was.

Sonntag, 3. Juli 2022

Geduld ist eine Tugend... (Tag 7)

 Mitten in der Nacht wache ich auf. Wenn man nicht mehr ganz so jung ist, muss man leider auch nachts aufs Klo.

Ich wache zu ziemlichem Wind auf, es scheint auch zu regnen. Ich bin aber zu müde, um das alles richtig zu realisieren und verschwinde kurz im Bad. Als ich wieder ins Zimmer komme, sehe ich L. auf dem Balkon hinter unseren gewaschenen und zum Trocknen aufgehängten Klamotten hinterher klettern (zum Nachbarbalkon). Mein BH klebte vom Wind plattgedrückt schon an der Wand der Nachbarn. Offensichtlich war er geistesgegenwärtig genug um eins und eins zusammenzuzählen. Naja, reicht ja, wenn einer hier mitdenkt.

Wir gehen wieder schlafen, der Wind heult noch eine ganze Weile. Wellen schwappen an den Strand.

Wir stehen etwa zur gewohnten Zeit auf. Draußen ist es nicht mehr ganz so stürmisch, es regnet allerdings immer noch. Checkout ist um 12:00, dann soll auch der Regen nachlassen. Da unsere weniger als 10km entfernte Fähre (Brensholmen - Botnhamn) erst um 17:00 fährt, wollen wir so spät wie möglich auschecken. Beim Packen (so ganz smooth läuft die Packroutine noch nicht) bemerkt L, dass eine seiner Socken wohl davongeweht ist. Vom Winde verweht - Gore-tex-Sockenedition. Schade. Wir wollen später nochmal danach suchen, dass fällt uns aber erst ein, als wir schon lange vom Hotel weggeradelt sind.

L. holt Kaffee und Frühstück aus dem Restaurant, dann stärken wir uns erstmal. Weiteres rumräumen und packen und dann ist es bald auch 12:00. Wir checken aus, verstauen unser Gepäck im Baggageroom und spazieren eine Weile über die Insel. Es ist inzwischen trocken, aber noch immer bedeckt. Ab und an frischt der Wind wieder auf. Zuerst gehen wir runter zum Strand. Es ist Ebbe und man kann viele Muscheln, Schneckenhäuser und Kaltwasserkorallen sammeln anschauen. In den Wiesen um uns herum fiept und pfeift und zwitschert es ganz aufgeregt. Wir kehren auf die Straße zurück, um die Vögel samt ihrer Küken nicht unnötig zu stören.

Die Straße schlängelt sich weiter nach Norden zur Spitze der Insel. Dort gibt es eine kleine Anhöhe von der man aus einen schönen Blick auf die vorgelagerten Schären samt Stränden hat. Traumhaft. Wer ein Boot hat und dorthin fahren kann, hat eine ganze kleine Schäre samt fantastischem Sandstrand an türkisem Wasser ganz für sich.

Wir machen Fotos und gehen dann zurück zum Abzweig der Straße. L. ist dort nachts schon etwas wandern gewesen und wir wollen gemeinsam ebenfalls ein Stück hinauf und eine noch bessere Aussicht über Sommeroy zu haben. Die Straße endet an einem grünen Tortunneleingang. Militärbereich. Der Tunnel führt bis ganz oben auf den Berg, dort gibt es eine Radarstation. Noch letztes Jahr habe ich mich gefragt, warum zur Hölle man hier am Ende der Welt bloß eine Radarstation braucht. Tja. Jetzt wissen wir es alle. Von hier (und natürlich von noch weiter nördlich) erfahren wir zuerst, wenn Schiffe aus Murmansk auslaufen und gen Süden fahren. Hoffen wir, wir erfahren das alles nicht, weil es nicht passiert.

Es Trampelpfad geht ab und direkt nach ein paar Metern beginnen Steinplatten, die den Weg hoch markieren. Es ist so steilt, dass ziemlich von Anfang an ein Seil gespannt ist, an dem man sich festhalten kann. Das ist mir nicht ganz so geheuer, vor allem, weil einige Bereiche noch nass vom Regen sind. Wir gehen daher ganz langsam und vorsichtig, klettern ein bißchen den Berg hoch und halten an, als man eine tolle Aussicht hat. Das reicht mir dann schon, immerhin muss ich ja auch wieder zurückkommen. Den Kindern hätte der Weg hier sicher super gefallen und die wären ruckzuck hochgeklettert, während man selbst atmend versucht hätte "Seid vorsichtig!" zu rufen.

Wir klettern zurück, nachdem wir ausgiebig fotografiert haben. Dann spazieren wir zurück zum Hotel und beginnen die Räder aufzuladen. Über die erste Brücker rüber und dann halten wir schon an. Wir wollen am kleinen Matkroken essen. Es gibt Hamburger und Pommes für L., Fish & Chips für mich. Lecker Fastfood.

Danach ist es kurz nach 15:00. Wir verabschieden uns von der Karibik Norwegens und radeln über die Brücke zurück aufs Festland und die paar Kilometer rüber nach Brensholmen. Dort steht schon eine Schlange aus Caravans und Autos. Als Radfahrer hat man es ja gut und kann ganz nach vorne fahren.

17:00 Ferge innstilt. - Die 17:00 Fähre fällt wegen technischer Probleme aus. Na super. Zum Glück gibt es heute noch drei weitere Fährabfahrten, die nächste um 19:00. Blöd nur, dass es jetzt gerade erst 16:00 ist. Also warten wir wohl, zusammen mit Italienern, Franzosen, Norwegern, Finnen, Türken und anderen Touristen. Die Italiener verunsichern uns kurz. Offenbar warten sie schon länger und sind nicht auf die 12:15 Fähre gekommen. Jedenfalls sagen sie uns, dass Radfahrer nicht mitkönnen. Das ist sehr seltsam, denn natürlich hatten wir das vorher gecheckt. Selbstverständlich können Radler und Fußgänger auf die Fähre, sogar gratis. Ich frage zur Sicherheit einen Radfahrer, der sehr wenig Gepäck hat und ich daher annehme, er sei local. Er sagt, was wir wissen. Radfahrende werden immer problemlos mitgenommen.

Nun denn. Wir warten. Ich beschließe, die letzten Tage zu verbloggen. L. sitzt ein bißchen, geht auf eine Anhöhe und fotografiert. Nebenbei höre ich, wie sich ein paar deutsche Touristen über so ziemlich alles beschweren und schäme mich etwas für diese Landsleute. Wer im Juli zur Haupturlaubssaison mit seinem riesigen Caravan nach Tromsö einfährt ohne vorher mal irgendwas nachgeguckt zu haben, der darf sich auch einfach nicht beschweren, wenn es dann keine Unterkunft gibt. Aber überhaupt, die fragen sich auch, warum es hier keine Lachsbrötchen zu kaufen gibt. Naja. Ich rolle mit den Augen. Dann setzt sich ein deutsches Paar an die Bank-Tisch-Kombi (alles als ein Teil zusammengeschraubt) neben uns. Die Frau ist deutlich adipös, der Mann eher spillerig. Sie setzen sich auf die gleiche Seite der Bank. Und als der Mann aufsteht und die Frau erst ein paar Sekunden später gleiches versucht, passiert, was die Physik nun mal vorgibt. Beide können drüber lachen, ich versuche sehr konzentriert auf das Notebook zu schauen. Natürlich beschimpft sie ihren Mann, natürlich ist der Schuld. Was steht der auch auf. Tja.

Wir essen einen Apfel und trinken unseren Kaffee aus. Geduld ist eine Tuuuuugeeeennnddd. Es kommen noch Wanderer und andere Radreisende, man nickt sich freundlich zu. Wir warten. Dann ist es irgendwann tatsächlich gegen 19:00 und die Fähre kommt. Die Fähre spuckt Autos und Caravans aus. Dann ist es kurz still und kurz darauf schiebt sich sehr langsam ein riesiger Actros Centurion heraus. Das ist ein LKW-großes, obzönes Wohnmobil. Wir Radfahrenden schauen uns gegenseitig kopfschüttelnd an.

Wir können mit den Rädern zuerst auf die Fähre. Es gibt eine Einbuchtung, wo wir alle unsere Räder gegeneinander gelehnt abstellen können. Als wir zum Passagierbereich hinaufgehen, kommt uns köstlicher Waffelduft entgegen. Natürlich besorgt L. uns eine Waffel. Wir unterhalten uns mit einem Schweizer Radler und erfahren, dass er schon länger unterwegs ist. Auch er musste seine Strecke wegen des gesperrten Tunnels umplanen, macht sich aber weniger Sorgen ob des Verkehrs. Da er wohl überwiegend zeltet, ist auch Unterbringung für ihn kein Problem. Er erzählt noch, dass er in der Schweiz gestartet ist, durch Deutschland geradelt und mit der Fähre nach Helsinki weiter. Von dort dann bis zum Nordkapp. Drei Monate will er insgesamt unterwegs sein. Ein Geschenk an sich selbst zum 50sten Geburtstag, als großer Ausgleich für 23 Jahre Kinder großziehen. Was für eine großartige Idee. L. möchte direkt mit seinen Geburtstagsplanungen beginnen. Der Schweizer erzählt, was wir schon häufiger gehört haben. Das Pedalieren über hunderte Kilometer schnurgerader Straße in borealem Wald ist sehr schnell sehr eintönig.

Die Hurtigrute quert vor uns den Fjord. Wir können nochmal nach Sommeroy rüberschauen und dann legen wir auch schon in Botnhamn auf Senja an. Unsere superniedliche, comfy Hütte ist nur fünf Minuten Fahrt (und weitere 5 Minuten einen steilen Berg hochschieben) entfernt. Eine kleine Hütte, super schön eingerichtet, total cozy und mit allem, was man so braucht. Wir kochen heute Reis-fit Kichererbsen mit Quinoa und dann gehe ich schon bald schlafen, während L. noch eine quartalsfällige Steuer macht.


Samstag, 2. Juli 2022

Affenhitze - (Tag 6)

 Nachts gegen 3:00 höre ich Treppengetrappel. Scheint, dass die Vermieter aus ihrem Urlaub wieder zurück sind. Dann schlafe ich wieder ein.

Als wir das nächste Mal wach werden ist es gegen 9:00. Ich koche Kaffee, wir frühstücken Käsebrote. Der Käse muss jetzt noch aufgebraucht werden. Es sollten heute auch 30°C oder mehr werden, da können wir keinen Käse transportieren. Wir stellen fest, dass Transport von Lebensmittel damals auf den Lofoten im September einfach mal gar kein Problem war.

Wir packen alle unsere Sachen zusammen, stopfen noch hier und da ein bißchen und unterhalten und dann eine Weile mit den Vermietern. Krasser Akzent - ich höre richtig, das sind französische Norweger. Die Frau tut mir ein bißchen leid, sie wirkt etwas übernächtigt, muss aber mit dem Kinderwagen los, damit das quengelige Baby einschlafen kann. I feel her - das sind so die Dinge, die an der Babyzeit nicht vermisse.

Wir unterhalten uns mit ihrem Mann und reden auch über unsere geplante Strecke. Da fällt ihm ein, dass wohl auf Senja ein Tunnel gesperrt sei. HOLY FUCK. Wir haben diesmal keine Tunnel gecheckt. Also klar, wir haben vorher geguckt, ob alle Tunnel für Radfahrer freigegeben sind (ja), aber nicht, ob sie auch offen sind. Wir verschieben das Problem auf nach der Tagestour heute.

Gegen 11:15 sind wir abfahrbereit und verabschieden uns. Der Vermieter hatte uns noch beruhigt, dass der Anstieg gar nicht so schlimm wäre. (Spoiler: doch!). Wir radeln an Tag 6 also zum ersten Mal mit vollbeladenen Fahrrädern los und ich habe schon beim ersten Hügel im Ort das Gefühl, dass die Packtaschen mich einfach wieder zurückziehen. Wir fahren ein paar Kurven und dann liegt der Anstieg vor uns. Es geht ziemlich straight einfach nach oben und ich weiß, dass es zwei davon gibt. Und der erste Anstieg der harmlosere ist. Ich trampele so gleichmäßig wie möglich im ersten Gang und sehe dann ein, dass ich nicht von 0 auf 100 kann. Wir fahren also immer nur ein paar Meter, von Ausweichbucht zu Ausweichbucht und dann stehe ich und atme und wir schwitzen jetzt schon ohne Ende. Es läuft einfach nur so runter, es ist knalleheiß. Bei solchen Temperaturen hätten wir zu Hause jede Radtour einfach nicht gemacht und wären ins Freibad gegangen.

Ein paar Ausweichbuchten später wird der Anstieg steiler und ich habe Mühe überhaupt anzufahren. L. strampelt vor, legt sein Rad in den Straßengraben und holt dann meins. (Note to myself: der Sattel muss in der Neigung verstellt werden. Stichwort: Klötenhammer /CUX). Ich gehe langsam am Straßenrand weiter. Zwischendurch fahren an uns sehr freudige Radler mit viel Gepäck vorbei. Ich verstehe ihre Freude sehr - sie haben den Anstieg bewältigt und können sich bestimmt fast bis Tromsö rollern lassen.

Auch für uns geht es nun eine Weile bergab, wir können den größeren Anstieg allerdings schon sehen. Wir nehmen die zwei Hügel davor in einem Zug mit, dann halten wir an einem kleinen Parkplatz. Es gibt dort leidlich Schatten, so dass ich kurz sitzen und atmen kann. Meine Lunge tut weh. Ich bin genervt. Covid ist ein Arsch. Da lernt man bei Geburtsvorbereitungskursen und beim langen Lauftraining endlich wie man richtig atmet, auch wenn es anstrengend scheint, und dann - kriegt man so beschissene Lungenschmerzen. Und kann da nicht mal "anfassen". Arrrgghhhh.

Als wir fertig sind mit atmen und trinken und schwitzen und Viecher vertreiben, satteln wir wieder auf. Es kommt noch ein ganz kleiner Hügel, so dass man wenigstens ein bißchen Schwung holen kann. Dann trampele ich im ersten Gang und schaue nur noch auf den Asphalt (brandneu, stinkt in der Hitze) genau vor mir. Es gibt hier auch keine Haltebuchten, es gibt dafür moderat Verkehr und man kann schlecht anhalten. Ich würde wohl auch nicht wieder anfahren können. Ich versuche einfach nur zu atmen und zu treten. Atmen. Treten. Atmen. Treten. Ich habe nicht die Kapazität auf die Autos und Caravans zu achten, die mich überholen. Das müssen die halt selber hinkriegen. Ich kann auch nicht noch weiter am Rand fahren. Ich schwitze, es ist sengend heiß inzwischen, es gibt keinen Schatten (deutsche Alleestraßen it is!) und meine Finger sind so nassgeschwitzt, dass ich mich richtig am Lenker festkrallen muss.

Dann irgendwann. Die Kuppe. Und dann geht es hinunter. Der Wind scheint unentschieden zu sein. Manchmal kühlt er angenehm und man kriegt besser Luft. Manchmal ist der Wind richtig heiß. So wie ein heißer Landwind, der ans Mittelmeer weht an einem Tag, an dem die Sonne brennt.

Die Strecke wird nun "flach und gerade" - was meint, dass es beständig auf und ab geht, aber ohne, dass man größere Anstiege bewältigen muss. Allerdings auch ohne, dass man bergab ausruhen könnte. Zu unserer Linken gehen die Berge steilt nach oben. Ich möchte mich gern in die Schneereste legen. Zu unserer Rechten beginnt ein großer See, der Kattfjordvannet. Ein Schild informiert, dass es hier sowohl Elche, als auch Rentiere geben könnte. Ich verstehe aber, dass die Tiere sich nicht in die Nähe der recht viel befahrenen Straße trauen und vor allem bei der Affenhitze lieber im Schatten irgendwo den Tag verschlafen.

Wir halten zwischendurch kurz für ein Foto, werden aber direkt  von Viechern verspeist. Schatten gibt es auch nicht. Wir würden gerne eine längere Pause machen, essen, ausruhen. Aber ohne Schatten und Schutz geht das nicht. Also radeln wir weiter. Erst immer am See entlang und dann etwas später beginnt der Kattfjord. Wir radeln auf der südlichen Seite, die Straße ist gesäumt von Häusern und Zugängen zum wunderbaren Wasser. Ich möchte gerne reinspringen. Wir sehen Gänsefamilien im typischen Gänsemarsch über den Fjord paddeln. Und winken auch immer wieder anderen Radlern zu. Die Rennradfahrer sind hier sehr seltsam - die grüßen nett! Aber wir treffen auch einige, die genauso bepackt wie wir sind.

Irgendwann ist es so heiß, dass mein Kopf komisch wird. Zu unserer Rechten geht ein Weg zu einem Haus hoch. Dort stehen Bäume. Da bleiben wir einfach stehen und verteidigen unser Brot gegen die Viecher. Ist mir auch fast egal, ob da Viecher sind. Wir müssen eine Weile raus aus der Sonne. Ich bin müde und erschöpft. Wir haben 20km geschafft. Weitere 20km liegen vor uns. Leider finden wir nichts, wo man eine Weile richtig ausruhen kann und vor Viechzeugs und Sonne geschützt ist. Also radeln wir weiter. Für die Chronik: Ich sehe das erste ukrainische Auto hier oben. Es hat eine Dachbox. Ich denke, wenn man länger in Norwegen bleibt, braucht man unter allen Umständen eine Dachbox.

Der Rest der Strecke wird für mich etwas vage. Es geht auf und ab. Links Berg, rechts Fjord. Türkises Wasser. Die sengende Sonne. Alle Gedanken drehen sich kilometerweit nur um Schatten. Wir halten regelmäßig sehr kurz an, um zu trinken. Dann wird ein Tunnel angezeigt. 607 Meter lang. Wir halten an, um unser Licht anzuschalten. Ich schalte auch mein Helmlicht an. Vor dem Tunnel gibt es einen Schalter, den Radfahrende drücken sollen. Dann geht ein Licht an und alle Autofahrer wissen (hoffentlich), dass im Tunnel Radfahrer sind. Super Sache! Dann fahren wir in den Tunnel ein. Sechshundert-und-sieben HERRLICHE kühle, feuchte Meter. 607! Es scheint der Himmel auf Erden, dass es plötzlich so kühl ist.

607m, die dann doch recht fix vorbei sind. Uns trifft eine Wand aus flirrender Hitze. Aber wir haben schon deutlich über 30km geschafft. Wir radeln einfach weiter und weiter und weiter. Rechts beginnen Strände. Das merkt man zuerst daran, dass an jeder Bucht und überall dort, wo es vage nach Parkplatz aussieht, Autos stehen. Dann sehen wir die Strände - vollgepackt mit Badenden. Ich kann es soo gut verstehen. Es scheint, als wäre die halbe Bevölkerung heute an den Strand gefahren.

Endlich geht es rechts ab nach Sommeroy. Vor der Brücke halten wir, es gibt eine Ampel. Aber klar ist, den Brückenanstieg und die Strecke schafft man nicht in einer Ampelphase. Als frei ist, fahren wir los. Ich merke aber schnell, dass ich es nicht schaffe. Zum Glück gibt es einen kleinen erhöhten Fußweg. Dort hieven wir die Räder rauf und schieben bis zur Hälfte der Brücke. Dann geht es hui hinab und wir sind auf der vorgelagerten Insel. Wir radeln ein bißchen, passieren eine weitere Brücke und kommen dann am "Arctic Hotel Sommeroy" an. Checkin, absatteln, duschen. Wasser!!! Kühl! Erfrischend! Meine Haut ist überall schrubbelig und hat eine richtige Salzkruste.

Dann legen wir uns auf die Betten und würden eigentlich gern einfach ausruhen. Auch L. ist sehr erschöpft. Die Hitze fordert auch bei Menschen, die deutlich fitter sind, als ich, ihren Tribut.

Ausruhen ist nicht. Wir checken, was es mit dem Tunnel auf sich hat. Und das ist dann der Moment, in dem unsere Radtour über Senja ein jähes Umplanen erfordert. Die Nordroute ist gesperrt. Es gibt keine alte Straße oder eine ähnliche Umleitung. Wir müssen die Insel irgendwie im Süden queren. Dort, wo aller Verkehr langgeht. Dort, wo in diesem Sommer AUCH der Verkehr langgeht, der sonst oben rum gefahren wäre. Aber es gibt keine Alternative. Wir stornieren zwei Unterkünfte (kostenpflichtig, hrmf) und buchen zwei neue. Es wäre total gut, wenn die kurzfristig zu stornieren wären (weil wir etwas paranoid sind, ob der Neuplanung und auch einfach sehr müde und nicht sicher sind, ob unsere Planungen Hand und Fuß haben), aber es gibt im Prinzip gar keine Ausswahl. Wir müssen nehmen, was es gibt. Und der Wetterbericht sieht nicht nach "Zelten" aus.

Die Stimmung kriegt ein ziemliches Tief. Dann stelle ich um 17:34 auch noch fest, dass der örtliche Supermarkt um 18:00 schließt. Bisher hatte alles immer bis 22 oder 23h geöffnet. L. schmeißt sind in Schuhe und Rucksack und radelt wie irre los. Er schafft es rechtzeitig und bringt Getränke mit.

Wir raffen uns auf und gehen mit eher miserabler Laune an die nun leeren Strände. Wir wollten den Kocher anschmeißen. Essen ist heute viel zu kurz gekommen. Doch nun ist Mücken-Hochzeit. Wir enden schneller als Abendbrot, als wir welches zubereiten könnten. Also gehen wir mit verdüsterter Laune zurück und kochen auf dem Balkon. Es gibt Tomatenreis. Kurz darauf habe ich kaum mehr Laune und muss schlafen. Ich bin so erschöpft und jetzt mussten wir den schönsten Teil der Radtour, auf die ich mich so gefreut habe, umplanen. Der neue Plan beinhaltet 2x Busfahren *kotzi*. Doof. Alles doof.

L. rafft sich auf und geht gegen Mitternacht noch ein Stück den Berg hoch. Er macht fantastische Mitternachtssonnenbilder und schöne Fotos von den vielen kleinen Buchten und Stränden, die es hier überall an den kleinen Inseln gibt.

Ich schlafe.

Freitag, 1. Juli 2022

Erster Urlaubstag - (Tag 5)

 Tag 5 - wir haben alle Sachen, die Koffer sind verschickt und da wir ja zur Sicherheit einen Tag mehr geplant haben, ist heute frei. Was nach dem ganzen Anreisestress auch wirklich gut ist. L. erstellt eine Gruppe bei Signal zum Bilder teilen mit den Familien und nennt sie "Norwegen mit Umwegen".

Spoiler/Protipp: TUT DAS NICHT.

Also die Benamsung. Ne Gruppe könnt ihr ruhig bilden.

Was macht man an einem freien Tag in Norwegen? Klar, man geht auf den Berg hinterm Ort. Das machen wir auch. Wir starten recht ruhig mit Frühstück. L. ist immer noch dabei Programme zu installieren, die er zum Arbeiten benötigt. Aber so langsam scheint das Notebook wieder okayish zu laufen. Ich mache Brote, packe Äpfel und Getränke zusammen und dann geht es los. Zuerst gehen wir an der kleinen Hafenanlage vorbei und schauen, ob der Elch noch da ist. Ist er nicht.

Dann geht es ein Stück die Straße hinauf und schon liegt vor uns ein typischer Wandertrampelpfad, dem wir problemlos folgen können. Vor und nach uns sind auch ein paar Leute. Auf dem Gipfel sind auch schon ein paar Frühaufsteher angekommen. Weil meine Beine echt müde sind und meine Lunge protestiert, machen wir alle paar Höhenmeter Pause, damit ich atmen kann. Während ich atme, die Landschaft knipse und den Blick über den Fjord genieße, klingelt Ls Telefon. Er kann dann leider nicht mehr atmen und den Ausblick genießen, weil er einem Kunden erklärt, wie man ein Dingens ins WLan kriegt und welche IP-Adresse dieses Dingens haben muss, damit es funktioniert. Nur falls Leser sich überlegen, ob es supertoll wäre als IT-Guy selbst und ständig zu sein.

Die Temperatur erreicht schnell etwa 30°C, es ist eine Affenhitze. Zum Glück haben wir selbst für die kurze Tour genug zu trinken dabei. Ich schwitze schon nach ein paar hundert Metern komplett durch. Nein, das ist keine "normale" Temperatur für diesen Breitengrad. Alle Norweger genießen das, aber erwähnen auch, dass es sehr selten ist.

Innerhalb einer Stunde arbeiten wir uns die 297 Höhenmeter auf den Nattmalsfjellet hinauf und lassen die großartige Landschaft auf uns wirken. Auf den höchsten Bergen liegt noch Restschnee, der Rest der Hänge grünt und blüht und summt (alles voller Viecher!!!!). Auf der einen Seite schauen wir aufs Dorf runter, die Bucht des Fjordes wir beiderseits von hohen Bergen eingefasst. Daneben der nächste Fjord, der sich an uns vorbei bis nach Tromsö dahinwalzt. Wir können bis zur Stadt samt Brücke zum Flughafen hinüberschauen. Es ist wie immer alles sehr spektakulär hier.

Also bis auf das Viechzeugs. Wir essen recht schnell im Stehen unser Brot und versuchen in Bewegung zu bleiben. Wir gehen ein Stück auf die andere Seite des Berges und können von dort ein recht langes Stück der Straße sehen, auf der wir morgen radeln werden. Ui ui ui.

Wir nehmen den Rundweg zurück ins Dorf, der näher am Fluss vorbei geht. Dieser fällt im Ort weiß gischtend herab und wird deshalb auch "Frozen Waterfall" genannt. Im Winter mit Eis und Schnee drumrum macht er seinem Namen sicher alle Ehre.

Wir steigen erst ein Stück Richtung Wasserfall hinab und biegen dann wieder ab. So ist die Steigung nicht so stark (gut für mich) und zwischendurch fotografiere ich die vielen blühenden Pflanzen. Manche davon kann ich mit der wunderbaren Flora Incognita App bestimmen. Ich glaube, ich hätte gerne ein Buch über arktische Flora.

Der Weg endet auf der Straße an der unsere Hütte liegt. Wir sind zurück und plötzlich bin ich unendlich müde und erschöpft. Ich dusche und mache einen recht langen Mittagsschlaf. Hatte ich auch ewig keine Zeit mehr zu. Allerdings verpasse ich das "Nap-Zeitfenster" und schlafe länger, so dass ich mich danach fühle, als wäre ich überfahren worden. Naja, für heute haben wir nix mehr vor.

Ich koche Nudeln mit Käse und Tomaten. Dann kopieren wir Bilder von Handys und Kameras auf das wieder laufende Notebook. Always have a backup!

Dann bin ich auch schon wieder müde, lese noch eine ganze Weile. Wir schauen eine Folge Doctor Who und dann bin ich zack eingeschlafen. L. geht noch eine Runde raus und fotografiert. Er berichtet später, dass gegen Mitternacht richtig viel Jungvolk und auch Leute mit Hunden unterwegs waren. Kann man auch verstehen. So spät sind die Viecher zum Glück schlafen gegangen, es ist angenehm warm, ohne dass man sich zu Puppenlappen schwitzt und die Sonne scheint toll.

Donnerstag, 30. Juni 2022

Hello airport my old friend... (Tag 4)

 Tag 4 unserer sehr entspannenden Radreise. Auch der heutige Tag steht unter dem Motto: Kommen die Koffer, oder nicht?

Um die Spannung noch etwas zu steigern, zickt früh morgens Ls Notebook. Das braucht er zum Arbeiten. Selbst und ständig und so. Wir brauchen das auch, um die Koffertrackingseite zu nutzen. Ich bin lieber still, koche Kaffee und mache Frühstück, während L. versucht sein IT-Guy-Dasein auf sich selbst anzuwenden. Let the magic begin!

Oder auch nicht. Während ich per Handy-App (Troms Reisen, Troms Billett) herausfinde, wir wir per ÖPNV heute zum Flughafen kommen (ich bin nicht bereit 30km womöglich umsonst zu Radeln), kristallisiert sich heraus, dass L. zumindest eine neue SSD braucht. Ich recherchiere Elektroläden (in der Nähe vom Flughafen, yeah!) und was die so im Angebot haben. L. ruft am Airport an. Die haben allerdings einen großen Haufen Gepäckstücke angesammelt und keinen Überblick. Die Trackingseite läuft irgendwann im Edge auf dem Handy und behauptet, mindestens zwei Koffer wären heute von Oslo verschickt worden. Nagut. Wir packen also die Rucksäcke so weit wie möglich aus und gehen zur Bushaltestelle. Kurz darauf kommt ein Bus mit der richtigen Nummer. Da ich ja unsicher bin, frage ich lieber noch nach. Ja, richtiger Bus. Alles prima. Wir schaukeln über die schmalen Straßen und über einen Wendeplatz, bei dem ich kurz die Luft anhalte, weil ich denke, gleich stürzen wir in den Fjord. Was natürlich Unfug ist, denn man würde eine Böschung hinunterstürzen und dann auf großen Steinen zerschellen der Busfahrer weiß natürlich, wie man einen Bus fährt. Wir schaukeln zu einem Busumsteigeplatz, steigen um und schaukeln dann weiter. Ich brauche all meine Kraft um zu atmen, während die Banane, die sich noch gegessen hatte, eigentlich gern wieder hinaus möchte. Ich schaue raus, auf die spektakuläre Landschaft, den Fjord, die Berge deren Spitzen mit Schnee bedeckt sind und verdränge die Banane.

Wir steigen am Flughafen aus und tatsächlich - in einem großen Haufen sehr vieler Koffer, die einfach so herumstehen, sind auch unsere. Juhu! Da die Schlange am Schalter sehr lang ist und nur eine Frau versucht mehreren Schalterschlangen Herr zu werden, schreiben wir Norwegian eine Mail, dass sie unseren Fall schließen können.

Dann rollkoffern wir wieder zum Bus und fahren eine Station zum Einkaufszentrum. Dort warte ich mit dem Gepäck, während L mehrere Elektroläden abläuft, um eine neue Festplatte zu bekommen. Also eine Interne, um sie im Notebook zu verbauen und eine weitere um extern zu sichern. Dafür braucht man natürlich passendes Werkzeug. Unser Fahrradwerkzeug funktioniert leider nicht. Die Schrauben an so einem Festplattengehäuse sind eher zärtlich. Neben mir telefoniert eine Frau, die scheinbar auch auf der Suche nach ihrem Gepäck ist. Ich fühle mit ihr. L. kommt zurück, wir essen "Lembas" (so pappiges Fertig"brot" mit Zimtfüllung) und beginnen dann einfach vor Ort unsere Koffer aus- und in die Radtaschen einzupacken. Zum Glück fand L bei seiner Elektroladentour auch eine Post, die Koffer verschickt. Damit sparen wir uns eine weitere Busfahrt in die Innenstadt. Wir packen alles um, kriegen alles verstaut und haben dann sehr schwere Radtaschen, jeder zwei. Außerdem einen Frontroller und zwei große Säcke mit den Schlafsäcken drin. Und unsere Rucksäcke. Wir sehen wahrscheinlich aus wie Packesel. Ich sitze mit dem Gepäck auf einer Bank, L. bringt die ineinandergestapelten Koffer, samt der neuen Packtaschen und ein bißchen Klamotten, zur Post und verschickt sie zu unserer letzten Unterkunft. Hoffentlich klappt das alles.

Wir nehmen einen Bus zurück. Es gibt leider nur Sitze rückwärts. Mir wird sehr schlecht, SEHR. Mir wird auch plötzlich sehr kalt und krank. Ich schaue nur raus und atme und zähle die Stationen an denen der Bus hält. Endlich endlich kommt der Umsteigepunkt. Ich trage irgendwie meine Gepäcktaschen aus dem Bus und sitze rum, bei frischer Luft. Kurz darauf kommt ein Bus mit unserer Nummer. Aber irgendwie sieht der uns nicht oder wir kriegen nicht schnell genug alle Packtaschen zusammen - der Bus fährt ohne uns los. Nicht so schlimm, in einer halben Stunde kommt ein weiterer. Und eine halbe Stunde sitzen und Nichtstun beruhigt meinen Magen immerhin so weit, dass ich überhaupt richtig bereit bin, nochmal in einen Bus zu steigen. In dem fährt außer uns nur eine andere Person mit. Ich suche gerade den Stoppdrücker, als der Bus eh anhält. Vor uns auf der Straße steht ein Elch. Ich scherze mit dem Busfahrer, dass es ja perfekt für Touristen sei und er lässt uns direkt dort raus. Bus und zwei Autos warten dann eine Weile, dass der Elch weitergeht. Wir warten natürlich auch und machen Fotos. Der Elch geht die Straße runter zum Strand.

Wir schleppen mit letzter Kraft unser Gepäck zur Unterkunft und duschen erstmal. Dann kochen wir Nudeln mit Blumenkohl und Käse. Danach bin ich eigentlich total müde, aber wir raffen uns zu einem kleinen Spaziergang auf und gehen runter zum Hafen. Dort liegt der Elch entspannt auf den warmen Steinen und schaut auf den Fjord hinaus. Wir machen Elch- und Möwenfotos und gehen dann zurück.

Ich lade mir noch ein Buch auf den Kindle, dass intellektuell etwas seichter ist, als das Biobuch, dass ich eigentlich lesen wollte. Aber bevor ich nur ein Kapitel schaffe, bin ich auch schon eingeschlafen.

L. hingehen baut am Notebook, kopiert, installiert, spielt Back-ups ein. Aber immerhin. An Tag 4 haben wir alles Gepäck beisammen, alle Koffer verschickt. Und da wir ja wegen der unklaren Koffersituation einen weiteren Tag in der Unterkunft haben, liegt vor uns sogar ein recht entspannter "freier" Tag.

Mittwoch, 29. Juni 2022

Lost luggage - (Tag 3)

 Aufwachen zu schönstem Sonnenwetter. Ich gehe in die Gemeinschaftsküche des Hotels und organisiere uns Kaffee und Löffel für unseren Frühstücksjoghurt. Dabei treffe ich drei ältere Schweizer, wir unterhalten uns eine Weile. Natürlich ist unser verlorenes Gepäck Thema und deren Angelerfolge. Ich freue mich sehr, dass es Kaffee gibt. Wir frühstücken und packen dann unsere paar Habseligkeiten in einer Plastetüte zusammen. Bevor wir irgendwas anderes machen, muss ich unbedingt zu einem Optiker und Linsenmittel besorgen. Ich trage die Linsen jetzt seit 29 Stunden und mag nicht mehr. Ich weiß nicht, wie Leute das aushalten, die ihre Linsen auch nachts im Auge lassen. Für mich ist das nix.

Wir gehen also mit unserem Plastebeutel samt Zahnbürsten und Deo in die Einkaufsstraße und schon dabei schwitze ich mich zu Puppenlappen. 1. Stopp bei der Bank. Die verlängerte Unterkunft, die wir heute Abend beziehen, können wir cash bezahlen. Zweiter Stopp Optiker, dann Outdoorladen, wo ich mir eine kurze Hose und ein Tshirt kaufe. Ich bin sehr gespannt, ob Norwegian mir das ersetzt - oder ob wir schon um die gekauften "essentials" streiten müssen. Wobei ich ja finde, dass ein Tshirt und eine Hose schon zu essentiellen Dingen gehören. Schauen wir mal.

Wir wollen uns E-Scooter nehmen, um zum Bahnhof zu fahren. Leider funktioniert meine Kreditkartensicherheitsabfrage nicht. Voll super. Die ist so sicher, dass nicht mal ich damit bezahlen kann. Nagut. Dann "wandern" wir eben zum Flughafen. Dazu muss man wissen, dass Tromsø auf einer Insel liegt, die aus sehr viel Berg besteht. Der Flughafen ist auf der einen Seite des Berges und die Innenstadt auf der anderen. Bei Affenhitze marschieren wir also quer durch die Wohngebiete, vorbei an einem idyllisch gelegenen See über den Hügel und auf der anderen Seite wieder hinab. Bei 30°C fühlen sich diese 5km wirklich an wie eine Wanderung. Per SMs wurden wir informiert, dass zwei Gepäckstücke via Bodø heute eintreffen sollen. Wir sind eine Weile nach dem Flugzeug da und entdecken gleich vorn am Terminal einen unserer Fahrradkoffer. Große Hoffnung. Wir finden am Gepäckband auch den zweiten. Von unserem restlichen Gepäck keine Spur. Ich stelle mich in die Schlange, lasse die Nachsendeadresse ändern und vermerken, dass 2v5 Gepäckstücken angekommen sind. Über die anderen gibt es noch keine Infos.

Wir stellen uns mit den Radkoffern in den Schatten vor dem Terminal und fangen an zusammenzubauen. Fairerweise muss man sagen, dass ich primär Teile reiche oder halte und L. zusammenbaut. Es wird ziemlich windig und kühl. Ich ziehe mal lieber meinen Pulli über. Die Temperatur ist mit dem Wind um 15°C gefallen. Dunkle Wolken ziehen auf. Wir müssen heute noch 15km radeln. Zwischendurch kommt eine weitere SMS - unsere Koffer wurden gefunden. Wie schön. Schon mal gefunden. Es gibt aber kein "Anreisedatum" für die Koffer. Wir werden also unser Krams irgendwie so transportieren müssen und einen weiteren Tag am Flughafen einplanen.

Als die Räder fertig zusammengebaut sind, nimmt L. zusammen mit den Radkoffern ein Taxi zum Post Office im Zentrum. Er kauf außerdem Radtaschen, ein Medikit und zwei "günstige" Regenjacken. Es ist inzwischen ziemlich kalt, dunkle Wolken ziehen durch und der Wind hat nochmal ordentlich aufgefrischt. Ich sitze im Terminal, passe auf unser Zeug auf und warte. Dabei lese ich Artikel über chaotische Zustände am Flughafen (bitte hier ein lorioteskes "Ach!" vorstellen).

L. kommt mit einem E-Scooter zurückgefahren und während andere Leute lustig Touristenfahrten mit den Dingern machen, oder sie auch als Alltagsvehikel nutzen, sieht es bei L. eher... naja unbeholfen aus. Ich lache (innerlich!!!) ein bißchen und winke ihm. Er zeigt irgendwo hin und ist wieder verschwunden. Ich nehme an, er sucht noch einen adäquaten Parkplatz. Eine halbe Stunde (oder mehr) vergeht und irgendwann frage ich mich ernsthaft, ob ich vielleicht jemand anderem gewunken habe, denn L. kommt nicht wieder. Ich zweifele etwas an meinem Verstand, warte noch ein paar weitere Minuten und rufe dann an. Ich hatte mich zum Glück nicht geirrt beim Winken. Der Flughafen ist nur außerhalb der Scooterzone und L. hat ihn zum nahegelegenen Einkaufszentrum gebracht. Das ist zwar direkt am Airport, allerdings auf der anderen Seite und da die Landebahn dazwischenliegt ist das Zentrum zwar Luftlinie nah, aber nicht Weglinie. Wir verstauen unseren Krempel in den neuen Packtaschen. Das klingt zwar etwas "über" - aber wir wissen ja nicht, wie lange wir zwar auf den Rädern mobil sind, aber ohne Ausrüstung. Wir werfen die Regenjacken über, warten noch ein bißchen den schlimmsten Regen ab und radeln dann los. Zuerst mal über die Brücke und dann immer schön auf dem Radweg entlang. Sehr komfortabel. Plötzlich hält neben uns ein Auto. Verständnislos schaue ich und frage mich, was die Autofahrer wohl von uns wollen. Sie halten an und fotografieren. Aha. Ich drehe mich in die andere Richtung und entdecke nun auch endlich den Elch, der dort auf der Wiese eines Vorgartens sitzt.

L. hingegen wunderte sich eine Weile, warum Leute eine Elch-Statue aus dem Auto heraus fotografieren. Dann wunderte er sich, wieso Statuen den Kopf drehen.

Ziemlich zeitgleich fiel dann der Groschen. Wir halten natürlich auch an und fotografieren den Elch. Wir sind schließlich vorbildliche Touristen. Wir radeln weiter, es beginnt zu regnen. Wir praktisch, dass wir da gerade auf Höhe eines Einkaufladens sind. Irgendwas müssen wir ja essen, unsere Vorräte sind weiterhin "gefunden". Keine Neuigkeiten, ob die Koffer auch weitergeflogen wurden. L. geht einkaufen, ich stehe draußen und warte und passe auf die Räder auf. ich bin sehr müde. Aber es liegt noch ein Stück Strecke vor uns, ebenso die heutigen Höhenmeter.

Immerhin hört der Regen, wie angesagt, wieder auf und es wird angenehmer. Trotzdem sind unsere Hosen total durchnässt. Das wird total toll später mit den eigenen Regenklamotten im Regen zu radeln. Wir fahren weiter, biegen ab und dann fühle ich, wie diese gemeine Radtasche mich bergauf einfach nach hinten zieht. Es ist eigentlich nur ein kleiner Berg, aber nach all dem Stress und dem wenigen Schlaf schon eine richtige Hürde. Wir halten kurz um zu Atmen, werden aber direkt von richtig vielen Viechern belagert. Also lieber schneller atmen und dann weiterfahren. Hinter dem höchsten Punkt öffnet sich der Blick über den Ersfjord und wir sind praktisch auch schon da. Wir finden die Unterkunft und kommen erstmal an. Viel Kram zu verstauen gibt es ja nicht. Ich bestücke den Kühlschrank, wir duschen erstmal und freuen uns aufgewärmt zu sein. Dann kochen wir Nudeln, die es mit Dosenthunfisch und Käse gibt. Schnell ins Bett. Hoffentlich kommen morgen die fehlenden Koffer an.